In Hamburg abgeguckt!

Seit Längerem wohne ich in der Seniorenresidenz Augustinum in Neumühlen. Vor wenigen Wochen lernte ich die Chinesin Zijian Ding kennen. Sie vertritt die Kooperationsbrücke China-Europa.
Zijian Ding hat sich vorgenommen, ihren Landsleuten die Vorbildlichkeit nordeuropäischer und hiesiger norddeutscher Seniorenheime nahezubringen.

Unser Hamburger Haus soll als Inspiration dafür dienen, das Leben der älteren Menschen im Reich der Mitte angenehmer zu gestalten.
Anlass dazu ist die tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft im heutigen China. Wo früher diese Senioren innerhalb der Familie bis zu ihrem Tode die Enkel und Urenkel zu hüten gewohnt waren, hat sich Grundlegendes verändert.

Zijian Ding

Das Einkindsystem und die Tatsache, dass die Kinder irgendwo in der aufstrebenden Industrie arbeiten, während die Älteren in ihrer Heimat verbleiben, hat den Familienzusammenhang weitgehend aufgelöst. Folge: Die Alten sind nicht mehr wie zuvor gefordert, werden aber älter und pflegebedürftiger. Altenheime gibt es zwar, aber sie werden eher ungern bezogen, denn die Unpersönlichkeit solcher Häuser und viele soziale und wirtschaftliche Mängel in diesen Häusern sind wenig einladend.
So werden dort solche Institutionen nicht wie in Europa als wirtschaftlich autarke Einzelgebäude geplant und errichtet. Sie werden vielmehr mit Krankenhäusern, Rehazentren, Pflegeabteilungen und normalen Seniorenwohnungen in großen Komplexen zusammengeschlossen. Solche Massierungen von Gebäuden, die Krankheit, Hinfälligkeit und Pflege in den Vordergrund rücken, werden nicht nur deswegen ungern angenommen, sondern auch, weil das Gepflegtwerden im Hause und in der Familie im Land der Morgenröte immer noch das alte Ideal ist.

Aufgetischt im Hamburger Augustinum.

Um auf ein Level mit deutschen Häusern dieser Art zu kommen, reiste zu Aufklärungs- und Studienzwecken eine zwölfköpfige Delegation von Betreibern solcher Seniorenhäuser aus China ins Augustinum zu Fachvorträgen und Besichtigungen an. Zijian Ding, als Leiterin der Delegation und gleichzeitig als Dolmetscherin, begleitete dieses Unternehmen der Aufklärung und Information in unserem Hause, das ihr in dieser Hinsicht als vorbildlich erscheint.
Ein Problem ist es unter anderen, dass es in China keine Art der Pflegeversicherung gibt wie hier in Deutschland, und Kranksein und die Finanzierung von Pflege ist teuer, wenn sie nicht innerhalb der Familie geschieht. Wie aber das organisieren? Das sind Schwierigkeiten, die die Chinesen selber finanziell lösen müssen.

Chinesische Besuchergruppe im Augustinum

Unsere Gäste trafen mit deutscher Pünktlichkeit um drei Uhr am Nachmittag mit ihrem Reisebus bei uns ein. Nach einer Begrüßung wurde ihnen das Haus vorgestellt. Zijian Ding übersetzte fleißig ins Mandarin. Auch auf die kulturellen Veranstaltungen im Hause wurde dabei hingewiesen. Bei diesem Vortrag im Clubzimmer wurde auch die hauseigene Pflegekostenversicherung ausdrücklich hervorgehoben, die die persönlichen Kosten der Pflege zu begrenzen hilft.
Dass in Augustinumshäusern auch innerhalb der Wohnung bis zum Tode die Pflege und Versorgung betrieben wird, kam dabei noch einmal zum Ausdruck. Auch das übrige Haus mit Bibliothek, Werkraum, Lesezimmer, Vortragssaal, Schwimmbad mit Trimmraum und Sauna sowie Arztzimmer und Bewohnerwaschküchen wurde den Gästen gezeigt.

Vortrag: „Das Augustinum, eine deutsche Seniorenresidenz“

Von der Vortragenden Vertreterin des Hauses, Frau Emmerich, wurde auch mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass das Konstrukt Augustinum mit über 21 Häusern deutschlandweit nicht auf das Erzielen von Überschüssen ausgerichtet ist, weil wir gemeinnützig sind, während unsere Besucher offenbar auf Gewinne aus sind.
Im Nachhinein lässt sich feststellen: Zuvor hatte die chinesische Delegation, aus Holland kommend, dort modern konzipierte Wohnaltenheime mit Rehas und Pflegeabteilungen besichtigt, die ihnen durchaus gefallen hatten; aber bei dem Erleben unseres Hauses und seiner Lage am Elbstrom war ihre Begeisterung für diese Wohnresidenz ganz erstaunlich. Das erfreute uns verständlicherweise besonders! Dass diese – ich nenne sie mal so – Urkommunisten sich für das kapitalistischste Wohnheimkonstrukt des Westen so begeistern konnten, war wirklich überraschend. In der eigenen Wohnung, in hotelartiger Umgebung, ohne Absonderung in einer Pflegeabteilung gepflegt zu werden und sterben zu können und zu dürfen, das machte offenbar besonderen Eindruck. Wie man das ohne Pflege- und auch ohne Krankenversicherung in China umsetzen könnte, wird nun deren Aufgabe sein.

Essen mit Aussicht!

Auch die Lage in der Landschaft als Solitär mit in sich geschlossener Wohnsituation, mit nicht zu vielen Bewohnern unter einem Kuppel-Dach, machte einen vorbildlichen und wohl auch nachahmenswerten Eindruck auf unsere chinesischen Besucher.
Aber nicht nur das: Ihr Eifer, alles zu notieren und nachzufragen, belegte, dass auch so etwas Ungewönnliches wie unsere Pflegekostenergänzungsregelung (PER), eine private hausinterne Zusatzversicherung, ihnen zu denken gab. Das erschien uns und ihnen wichtig. Bei der dann erfolgenden Hausführung mit Besichtigung meiner Wohnung war ihre Begeisterung vollständig geweckt: Wohnen wie in einem Hotel mit Rundumversorgung – wenn auch zu einem angemessenen Preis – mit Ausblick auf einen Welthafen und mit allen persönlichen Freiheiten, die ein erwachsener Mensch sich wünscht, das beeindruckte. Bei der Besichtigung unseres Veranstaltungssaales setzte sich eine der Besucherinnen völlig ungeniert an den Flügel und gab zu unser aller Freude und unter großem Beifall ein kurzes klassisches Klavierkonzert!
Mit Gastgeschenken für uns, die Betreuer, und nach vielen, vielen Fotos, die unsere Besucher machten, war es nach vier Stunden des Kennenlernens fast ein Abschied von guten Bekannten, aus deren Sprache man indes nicht einmal eine verständliche Silbe heraushören konnte.
Positiver hätte es für beide Seiten vorerst nicht laufen können. Ob aus diesem Treffen bleibende Kontakte zwischen den wissbegierigen Chinesen und uns Norddeutschen entstehen, bleibt abzuwarten. Zwischen mir und der Familie der in Hamburg lebenden Zijian Ding, deren Kinder zweisprachig aufwachsen, hat sich schon eine beständige Freundschaft entwickelt. Als Koordinator dieses Treffens habe ich dabei zumindest ein chinesisches Wort schon gelernt, denn zijian (mit weichem S gesprochen), bedeutet l i l a !

Über Carl Groth

Carl Groth

Verliebt in die See und die Seefahrt - die er lange auf dem eigenen Segelboot genoss. Nun ist er auf Frachtschiffen unterwegs.

Eine Meinung über “In Hamburg abgeguckt!

  1. Carl Grorh is un blifft en Dusendsassa.
    Up sien olle Daag alltied charmant un galant un elegant.
    Schaa, ik bün neet mit hum verwandt,
    denn harr he mi wat daarvan verarven lunnt –
    reinkant.
    Hans-Hermann Briese
    21.12.2015

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