Eisbrecherfahrt Kurs Polarkreis

Es juckte mich mal wieder, eine Frachtschiffreise zu machen. Eine Fahrt ins Eis der finnischen Küste sollte es diesmal sein, mit einem eisgängigen Containerfrachter. So meldete ich mich im September schon an bei meiner Agentur für Frachtschiff-Fahrt zu einer derartigen 7-Tage-Fahrt.

Abfahrt Lübeck: 26. Februar 2015, Kurs Göteborg und anschließend weiter nach Kemi und Oulu durchs Festeis und ans nördlichste Ende des Bottenmeeres. Die Agentur hält mir zwar freundlicherweise die zweite Kammer für eine mich begleitende Person noch zehn Tage frei; aber Mitfahrer fand ich in meinem Freundeskreis leider nicht.

Mitte Januar dann eine Verzögerungsmeldung der Agentur Zylmann – die Fahrt soll erst einen Tag später beginnen, nämlich am 27. Februar. Die Begründung ist offenbar, dass in den Wintermonaten der Umweg über Westschweden mit dem Anlaufen Göteborgs nicht stattfinden soll. – Kein Verlust, wie ich meine, denn außer der Fahrt durch den mir so gut bekannten Schärengarten, bietet sich kaum Interessantes, denn die Stadt ist vom Containerhafen viel zu umständlich zu erreichen – und in kurzer Zeit schon gar nicht.

Auf meine Nachfrage, ob denn die Nachbarkammer inzwischen vergeben sei, höre ich nur, dass eine jüngerer Mann mitreisen würde. Für die Oberkoje meiner Kammer hatte ich leider noch keine wünschenswerte Begleitung gefunden: Eine Freundin, die gern mitgefahren wäre, hatte Verbot seitens ihres Ehemanns bekommen, obgleich ich ja ein Reisegefährte in der Mitte des neunten Lebensjahrzehnts bin! Meine Ärztin versuchte mich zu beruhigen: Ich müsse das verstehen, Ehemänner seien in Hinsicht auf die eigenen Frauen immer aufs Abschirmen bedacht, selbst gegenüber derart gealterten Männern. Und alsbald stellte meine Ärztin mir mit guten Reisewünschen mein Attest aus, dass ich fahrtüchtig sei für eine derartige Tour.

Anfang Februar

Seit dieser Zeit verfolge ich im Internet nun die Karte der Eisbedeckung in der nördlichen Ostsee. Mitte Februar ist lediglich die Hälfte des Bottenbusens nördlich der Aaland-Inseln mit Treibeis bedeckt und nur der Norden vor den Zielhäfen ist mit Festeis von 30-50 cm Dicke zugefroren. Es scheint in den nächsten zwei Wochen auch nicht mehr Eisbedeckung zu geben. Der Winter ist selbst dort vor dem Polarkreis in diesem Jahr nicht kalt genug.
Im Augenblick verbleibt mir nur noch das Warten darauf, dass man mir mitteilt, wann ich mich an jenem Freitag zum Einklarieren in Lübeck einfinden soll.
Ungeduldig, wie selbst alte Leute noch sein können, rufe ich am Tage vor dem angekündigten Einschiffungstermin schon einmal bei der Agentur an: Ja, heißt es, gegen 19 Uhr dort sein. – Ist das kurz vor der Abfahrt, frage ich. – Nein, dann hofft der Kapitän mit seinem Anlegemanöver fertig zu sein. Mit dem Löschen der Papiercontainer wird es bis spät abends dauern – bis gegen Mitternacht wohl.
Nun, ich werde versuchen, an jenem Tag noch vor Dunkelwerden dort zu sein, gegen 18 Uhr also. Der Koffer ist gepackt, und so kann ich den morgigen Tag in Ruhe auf mich zukommen lassen.

Freitag, 26. Februar
Um 14 Uhr erkennt man im Internet, dass die TransPaper, mein Papiertransporter, die ich schon von einer früheren Fahrt kenne, bereits an ihrer Entladerampe liegt: also Aufbruch! Busfahrt mit unserem 112-er und vom Hauptbahnhof nach Lübeck in zügiger Fahrt. Dort kennen die Taxi-Fahrer sich aus: Nordlandkai und die Papierschiffe sind für sie etwas Alltägliches.
Das Taxi bringt mich in Lübeck am Nordlandkai bis an die Gangway, was in Hamburg undenkbar ist, abhängig von Sicherheitsvorschriften, die in internationalen Häfen (oder solchen, die sich dafür halten) Pflicht geworden sind. Bei leichtem Regen zunächst die ewig lange Gangway hochgestiegen, telefoniere ich von der stählernen Gittertür aus, die mir den Zugang zu den Aufbauten verwehrt. Der Bootsmann – ich erinnere mich an ihn von meiner letzten Reise her – hievt per Lastenkran meinen Koffer an Deck und mit: „You know it all!?“ lässt er mich zu meiner Kammer gehen, die schon mit meinem Namen beschriftet ist. – Es ist 17 Uhr und der Löschvorgang ist in vollem Gange. Koffer auspacken, die Koje beziehen und an der Selbstbedienungstheke vorbeischauen, ist als Nächstes wichtig. Die Köchin, seit Jahren schon hier, erkennt mich auch gleich wieder, freut sich, dass ich rechtzeitig zum Essen erscheine und erklärt mir den Inhalt ihrer Fleischtöpfe. Ich sitze alsdann am gleichen Platz im fast leeren Speiseraum und das Gefühl, sich hier auszukennen, wirkt beruhigend, beinahe heimelig auf mich.
Inzwischen ist mein einziger Mitreisender eingetroffen.
Er ist ein junger Mann von 23 Jahren, der sich gleich vorstellt und aus Süddeutschland zu kommen scheint. Stefan freut sich, jemanden zu haben, der dieses Schiff schon kennt und bittet um eine Führung, noch ehe er ausgepackt oder seine Kammer hergerichtet hat. Er staunt über die Weiträumigkeit all der Flächen, die uns zwei Gästen zur Verfügung stehen, denn auf den anderen Schiffen, die er kennt, sind alle solchen Räume wesentlich enger bemessen.
Später stellt sich mir im Küchenbereich der Käpt’n vor. Wann wir denn auslaufen, frage ich ihn. Er kommt allerdings nicht zu Worte. Bevor er Luft holen kann, kommt die Köchin dazwischen und sagt: „Der Chef hier bin ich!“ „Na gut“, frage ich sie, „wann also?“
„Nun, gegen Mitternacht“, sagt sie. Und der Käpt’n ergänzt: „Kann schon 11.30 Uhr sein. Eine Maschine ist kaputt, wird repariert; aber es ginge auch ohne sie.“
So sitze ich nun hier allein in meiner Kammer auf der Reise Richtung Eis und Polarkreis. Mein Koffer ist ausgepackt und die Kammer ist mir von einer vorherigen Reise mit diesem Schiff ganz vertraut; dennoch bin ich mir hier meiner eigenen Inselhaftigkeit in dieser Situation bewusster als sonst.
Der Fernseher hier in meiner Kammer liefert zwar sechs Sender, aber er ist nur auf schwedische Programme eingestellt, denn wir sind ja auf einem schwedischen Schiff! Ein Trost ist, dass das Radio mit schwedisch vorprogrammierten Sendern mit guten Lautsprechern für CD-Musik ausgestattet ist. Glücklicherweise hatte ich mir je eine Flöten-, Klarinetten- und Klavier-CD mit in meinen Koffer hineingezwängt.
Zum Be- und Entladen dieser spezialisierten Papierschiffe sollte ich etwas erklären. Im Hamburger Hafen oder anderen ist bekannt, dass Container von oben her mit besonderen Kränen und Greifvorrichtungen angehoben werden und in fahrbaren Carriern hängend an ihre Lagerplätze gebracht werden. Ganz anders hier: Die Papiercontainer sind geringfügig größer als die üblichen Großcontainer, stehen auf kurzen Stummelbeinen oder schienenartigen Konstruktionen, wiegen, voll mit den schweren Papierrollen beladen, bis zu 90 t und werden von untergeschobenen Hublafetten angehoben und auf diesen 8-achsigen Fahrzeugen gebracht und geholt.
Gegenwärtig rumpelt es ein wenig, was beim Entladen nicht geschieht. Man spürt kaum etwas davon, im Gegensatz zum Hamburger Hafen, wo die Hebevorgänge bis zum anderen Elbufer hinüber hörbar sind.
Ich bin im Finstern noch einmal draußen gewesen.
Sie bringen leere Container an Bord, die sie auf nur zwei Decks über Rampen vom Heck her heranfahren. Um sie schön dicht zu stauen, knallen die Fahrer sie mit Wucht gegeneinander. Das bringt diese unübliche Geräuschentwicklung mit sich, die allerdings minimal zu nennen ist. Diese Beladungstechnik per Fahrzeug von achtern her bringt es auch mit sich, dass das gesamte Deckshaus einschließlich Maschine sich vorn befindet, um achtern freie Stauflächen zu haben.

Ich habe ein wenig geschlummert.
Es ist 11.45 Uhr und ich nehme wahr, dass der hohe Ton des Luftaustritts aus der Klimaanlage des Maschinenraumes überlagert ist von einem tieferen Ton; auch ein schwaches Vibrieren ist spürbar. Ich schaue aus dem Fenster: Es ist tiefschwarze Nacht, aber hin und wieder gleitet ein orangefarbenes Licht vorbei. Tatsächlich, wir fahren!
Inzwischen ist eben 24 Uhr vorbei: Ein Prost aus einer mitgebrachten Vodka-Flasche auf meine Mutter ist fällig, die mir eine scheinbar unverwüstliche Gesundheit mitgegeben hat, die mich meinen 85. Geburtstag heute am 28. Februar während einer solchen – leicht abartigen – Schifffahrt erleben lässt.
Ich gehe im Trainingsanzug auf die Brücke hinauf, denn inzwischen gleiten schon die Containerlagerflächen vom Scandinavien-Kai an Backbord vorbei; Travemünde, nächtlich schwach beleuchtet, passieren wir. Kurze Zeit später sieht man den leeren Yachthafen von Travemünde, vor dem die Passat liegt. Dann folgt die Einfahrtsmole zur Trave, und hinaus geht’s dann in die Lübecker Bucht, zunächst noch in einem betonnten Fahrwasser.
Sonnabend, 28. Februar
7 Uhr. Wir schippern mit Kurs 60° bei Westwind Stärke 3 und bedecktem Himmel nördlich Rügen mit 16,2 kn. Um 7.30 Uhr ist morgendliche Frühstückszeit angesetzt. Um 8.20 Uhr, meiner Geburtsstunde, mit meinem Mitreisenden Stefan zur Feier des Tages mittels eines Glases Vodka angestoßen, wie zuvor schon bedacht.
Er ist Student im Elektrofach, Richtung Computerwesen, kommt aus Augsburg und spricht einigermaßen Hochdeutsch, obzwar er ein Bayer ist. Er lässt mich sein Studienfach raten. Ich tippe zunächst aber auf Theologie, weil ich immer befürchte, solchen Typen ungewollt zu begegnen.
Bei Backstagswind spürt man den Fahrtwind kaum, deshalb am Vormittag einen ausgedehnten Kontrollgang über die großzügig bemessenen Decksflächen des Vorschiffes gemacht. Das Schiff ist tadellos gepflegt und man sieht ihm die Jahre nicht an, die es schon ununterbrochen Dienst tut. Lediglich das Polster meines liebsten Stuhles auf der Brücke, des Lotsenstuhles, ist völlig zerschlissen. Auch die Landstromversorgung, die sonst im Hafen immer sofort ausgerollt wird, ist derzeit wegen eines technischen Defektes nicht in Betrieb.
Aus einer gewissen Langeweile heraus habe ich einmal die neben der Essensausgabe hängende Mannschaftsliste studiert. Von den 13 Crewmitgliedern sind es jetzt nur noch 3 Philippinos und ein Däne. Alle anderen sind Schweden. Und bei denen fällt mir auf: Die Vorhersage, dass es im Jahre 2050 kaum noch blonde Menschen geben wird, weil die Dunkelhaarigkeit dominant ist, scheint doch wohl zu stimmen. Denn alle Schweden an Bord sind dunkelhaarig; auch Ingela, die Köchin (etwa 60), macht da keine Ausnahme.
Tjaa, so ist es dann wohl!? Auch ich gehöre ja zu den Aussterbenden…
Wir passieren gerade zur Mittagszeit, hier Lunch genannt, die Durchfahrt zwischen Schweden und Bornholm. Jedoch auch bis jetzt hat sich die Diesigkeit nicht gemindert. Bei etwa 5 sm Sichtweite ist von Bornholm nichts zu sehen; als Segler habe ich bei klarer Sicht selbst vom schwedischen Hochufer aus Bornholm klar erkennen können.
Gelegenheit also, sich jetzt dem Mittagessen zuzuwenden.
12.30 Uhr; der große wöchentliche Augenblick findet statt: Der Käpt’n öffnet seinen Store mit den unverzollten Waren. Die Mannschaft steht Schlange vor jener Stahltür. Ich versorge mich mit Dosenbier, finnischer Schokolade, Bacardi und finnischem Vodka natürlich nur in Literflaschen. Gleich eine Probe gemacht: Das heiße Leitungswasser (bei vorgewärmtem Glas) ist heiß genug zum Grog ansetzen! Arktische Kälte, du kannst kommen! Aber gemäß Wetterbericht sind dort oben auch nur Temperaturen wie im Norden Mitteleuropas.
Zurzeit überqueren wir außen längs die Hanöbucht, die für mich immer eine besondere Herausforderung war. Als die Biskaya der Ostsee verschrieen und mit 55 sm in einer Tagesreise nur bei günstigem Wind zu durchqueren, stellte sie an den Segler jedes Mal besondere Anforderungen, durchweg aber mit positiven Erinnerungen verbunden. Jetzt, mit 3 Windstärken aus West, hervorragendes Segelwetter für diesen Törn – von der Kälte einmal abgesehen.
Auf allen Frachtschiffen, mit denen ich sonst gefahren bin, wurden warme Mahlzeiten immer serviert. Auf diesen Schwedenschiffen ist es anders. Ich möchte sagen: besser! Zu den festgesetzten Terminen für Lunch und Dinner oder auch morgens schon holt man sich von einem Selbstbedienungstresen das, was man gerade möchte und auch so viel oder wenig, wie man möchte. Für die Philippinos sind auch immer entsprechende Speisen mit Reis als Grundnahrung dabei und uns ist es überlassen, mehr oder minder europäisch oder asiatisch zuzulangen. Mir gefällt es und da es außer Säften und Kaffee nur Magermilch zu trinken gibt, trinke ich sogar die!
Heute verleibe ich mir vor dem Schlafengehen noch ein wenig Schokolade ein. Es heißt doch, dass Schokolade Lustgefühle erweckt. Mag sie, die Schokolade, nun lustige oder lustvolle Träume entstehen lassen.
Wenn diese Reise auch sonst noch nicht sehr erlebnisreich war, so will ich dieses unerwartete Erleben doch ausführlich beschreiben: Zwischen all den in Plastiktüten vor dem Austrocknen bewahrten Brotsorten am Selbstbedienungstresen fand ich gestern schon eine Art Brot in dicken Scheiben, dem man fast die Bezeichnung Kuchenbrot zuordnen möchte. Ich bin kein Nachmittagskaffeetrinker; aber aus lauter Untätigkeit ließ ich mich heute dazu herab und Ingela, die Smutjin, hatte gerade Zeit. Deshalb habe ich jene Tüte mit nur noch wenigen Scheiben genommen und sie auf Englisch gefragt: „Wie heißt dieses Brot und was ist das? Ich schätze es besonders!“ Darauf sie: „Es hat keinen Namen, ich backe es selber!“ Woraufhin ich sie gebührend gelobt habe. Ich will versuchen, es zu beschreiben: Es ist ein dunkles, grüngelbes, süßes, würziges Teigerzeugnis von fast kuchenhafter aber fester Bchaffenheit mit einer nur mäßig harten kaubaren Kruste. Mit salziger Butter dick bestrichen, ein Gedicht. Ich werde mich des öfteren daran halten. Zum Nachbacken habe ich sie ja schon motiviert. Aber mit ihrem schwedischen Rezept, fürchte ich, würde ich nicht viel anfangen können – wenn sie’s mir denn gibt.
Sonntag, 1. März
Es ist Sonntag, was man daran erkennt, dass es gemäß Ankündigung statt um 7.30 Uhr erst um 10 Uhr Breakfast gibt, denn an solchem Tag wird der Köksch Erleichterung gewährt. Und Dinner ist dann für 15.30 Uhr angesetzt. Ich gönne mir gleich früh ein Glas Kaffee – der ist immer heiß – und von Ingelas Spezialbrot eine große Scheibe.
Wir haben auf Höhe der Aaland-Inseln derzeit freundliches, leicht bewölktes Wetter mit guter Sicht bei 5 Windstärken (im Logbuch schreiben sie 6-7 aus SW; aber die übertreiben immer!). Die TransPaper rollt um etwa 30 cm von Schiffsmitte aus betrachtet. Aber das ist immer noch weniger als uns städtische Busse in Kurven zumuten.
Auf den Ledersofas im Gästesalon sitzt man bequemer als in der Kammer. Deshalb vor dem Frühstück dort die Akustik des CD-Players ausprobiert und dabei in diesem Raum an die denkwürdige elektrische Wanduhr erinnert worden, die seit Jahren schon bei den Minutenschritten des großen Zeigers ein morbides Krächzen von sich gibt, ein Charakteristikum dieses Schiffes, das sich mir eingeprägt hatte.
Bin später dann in die Bordsauna gegangen und habe mir das Anstellen des Ofens zeigen lassen. Die Sauna ist gut ausgestattet, aber die Kammer selbst ist etwas zu eng, nur zum Sitzen eingerichtet. Im Trimmraum nebenan – voller schwerer Geräte – die gleiche rülpsende Wanduhr, Marke VINGTOR: So hat man überall seine bescheidenen Freuden.
Anders als in den normalen Sommerfahrplänen werden wir jetzt zuerst nicht Kemi sondern Oulu anlaufen und in etwa 17 Stunden dort sein. Das hieße, morgens gegen 10 Uhr dort anzukommen. Ich denke, Berührung mit der Festvereisung dort oben werden wir wohl erst bei Sonnenaufgang haben. Kein Wunder bei diesem milden Winter und den andauernden südlichen Winden, dass das Festeis erst so weit im Norden liegt. Der Wind, Stärke 6 aus SO, hat zugelegt und das Schiff rollt etwa 60 cm in einer Rollperiode von etwa 10 sek, also ein recht ausgewogenes Schlingern. Jedoch Stärke 7, wie im Logbuch ausgewiesen, ist es noch nicht, denn dann legt sich der Schaum in Streifen in Windrichtung. Das ist sicher! Dennoch, die Einbaumöbel beginnen bei den Rollbewegungen in ihren Verankerungen bereits ein wenig zu knistern und zu knacken. Solange aber Getränkegläser auf dem Schreibtisch nicht hin- und herwandern, ist alles „im grünen Bereich“ und sollte auch für gebirgsgewohnte Seeverächter leicht ertragbar sein.
Am Abend macht man sich ja so seine Gedanken: Die Fahrt hier herauf in den Norden der Bottensee ist selbst für ein so relativ schnelles Schiff mit 16 kn Marschfahrt eine endlos lange und meist ereignislose Tour. Ich habe es segelnd bis Stockholm, also etwas südlich der Aaland-Inseln, mehrfach geschafft. Und das war im Schären-Fahrwasser auch interessant. Aber dieser Törn weiter in den Norden – auch im Sommer – erschien mir zum Segeln nie reizvoll genug. Seglerisch wären auch die heutigen Windverhältnisse noch gut zu bewältigen – aber im Winter? Nein, das würde mich wirklich nicht reizen! Deshalb sollte ich froh sein, in warmer Kajüte reisen zu können, wenn auch da die eigene Einsamkeit verdrießlich ist. Aber was will man denn als Greis schon erwarten dürfen… Ich hoffe, da lacht keine von den angesprochenen Damen! Nebenher bemerkt: auf dem Atlantik Kurs West im Passat oder nördlich mit den Westwinden eine solche Strecken zurückzulegen, hat eine andere Qualität, als hier in der nördlichen Ostsee auf und ab zu daddeln. Das muss auch einmal gesagt sein.
Montag, 2. März / 7 Uhr
Es ist schon hell aber leicht diesig. Wir sind etwa 4 Stunden vor Oulu und sehen noch nicht einmal Eisschollen. Erst in etwa 2 Stunden werden wir auf Eis treffen, heißt es. Außentemperatur +1°, also Hamburger Verhältnisse. Der Wind hat auf OSO gedreht mit etwa 5 Beaufort breitseits (Logbuch Süd 7!), dennoch kaum Rollbewegung im Schiff.
Zum morgendlichen Frühstück pflege ich mich mit Porridge, Knäckebrot mit Käse und Ingelas Spezialbrot nebst einem Glas Kaffee zu begnügen. Das ist für meine Verhältnisse schon viel. Dabei habe ich schon öfter hier an Bord beobachtet, dass die meisten Leute früh am Morgen nicht viel reden. Das ist ja eher normal. Wenn man das allerdings den ganzen Tag über beobachten kann, habe ich den Eindruck, in einer Vorbereitungsanstalt für künftige Trappisten zu sein. Nicht einmal die sonst etwas lustigeren Philippinos machen auf dieser Reise eine Ausnahme von der schweigsamen Allgmeinheit. Mir tut’s nichts. Als Einhandsegler war ich unterwegs oft und lange an das Schweigen gewöhnt – wenngleich das Segeln zu zweit ja doch unterhaltsamer und auch körperlich weniger anstrengend ist.

8.40 Uhr, wir durchfahren die erste Kante geschlossenen Treibeises!
Endlich! Etwa 3 Stunden Fahrt durch mehr oder minder geschlossenes Eis liegen bis Oulu noch vor uns. Die TransPaper kommt mit 12 kn, manchmal auch nur 6 kn Fahrt, mit Leichtigkeit hindurch und eine Geräuschentwicklung ist dabei kaum wahrnehmbar und Vibrationen auch nicht. Die Lufttemperatur bei etwa 0° zeigt immer noch norddeutsche Verhältnisse. Den auf Station liegenden Eisbrecher FREJ lassen wir an Backbord liegen. Er hat offenbar eine Fahrrinne nach Oulu schon freigemacht, die sich mit Eisschollen aber rasch wieder geschlossen hat.

Fjordlandschaft im Winter.

Nach einer Slalomfahrt um teils bewaldete Schären herum erreichen wir gegen 11 Uhr den eisfreien(!) Hafen von Oulu und um 11.40 Uhr liegen wir festgemacht vor der Heckladerampe. Der Hafen und seine Vorfläche sind deshalb eisfrei, weil von der Papierindustrie warme Abwässer eingeleitet werden und aus dem Hafen heraus auch eine gewisse Strömung zu beobachten ist.
Der Blick landeinwärts zeigt wenig Erfreuliches: Kilometerweit nur Industrielandschaft mit Containerlagerflächen, Industriehallen, Lagerhallen, Silos und ein eigenes Kraftwerk. In etwa 5 km Entfernung landeinwärts einige Wohnsilos und weitere 5 km entfernt die nächste Papierfabrik. Nein, Landgang lohnt sich hier nicht. Aber die stundenlange Fahrt durchs Eis war schon interessant und so von mir noch nicht erlebt. Allerdings hatte ich mir eine verschneite Landschaft vorgestellt. Aber damit ist es in diesem milden Winter auch nichts. Das Wenige an Schnee, das irgendwann einmal gefallen ist, hat offenbar alsbald der Regen fortgespült. Und jetzt steh’n die Bäume schwarz und schweigen … allerdings nur im Landesinneren, aber bis zum Horizont…

19.40 Uhr, die Maschine rappelt, Lösch- und Ladevorgänge offenbar beendet: wir legen ab! Mit zwei Superscheinwerfern, die wohl an die 300 m weit reichen, werden die Seezeichen und die aufgebrochene Fahrrinne, in der Eisschollen treiben, ausgeleuchtet. Es regnet dabei heftig, wodurch die scharfen Lichtstrahlen zu besonderem Leben erweckt werden, zumal die Nacht ohne Mondschein total finster ist. Mit 16 kn Fahrt schiebt sich das Schiff durchs Eis voran. Nur in engen Kurven, die das Fahrwasser vorschreibt, wird reduziert auf 6-7 kn. – In 5-6 Stunden dürften wir die 53 sm bis Kemi dann geschafft haben.
Wohl ist die Fahrt durch die Eisschollen lauter als die normale Fahrt durch offnes Wasser, aber ich habe mich bewusst ohne Ohropax schlafen gelegt, um das Geräusch als Charakteristikum dieser winterlichen Nordlandfahrt in die Erinnerung aufzunehmen.
Gegen 11.30 Uhr wird das Eisbrechen lauter und lauter
und auch die Vibrationen des Schiffes verstärken sich. Vom Gästesalon nach vorn geschaut auf unser Scheinwerferlicht, wird es erkennbar. Wir fahren durch neu verfrorenes Scholleneis. Eine aufgebrochene Fahrrinne scheint es hier nicht zu geben, und am Horizont sind die Lichter von Kemi schon zu sehen.
Dienstag, 3. März
Um 0.30 Uhr machen wir fest in Kemi auf der vorgelagerten Insel Ajos, was ich im Schlafe durch veränderte Motorgeräusche spüre.
Ein Bier am Abend und ein wenig Schokolade haben bewirkt, was sie sollen, nämlich angenehme Träume auslösen.
Um 2.20 Uhr sofort notiert, träumte ich, es sei ein plattdeutscher Wettbewerb für Kurzlyrik ausgeschrieben worden. Manche von denen, die in solcher Hinsicht mit mir im Wettstreit stehen, sah ich schon schreiben. So begann auch ich im Traum schon zu dichten:

Ik gung to finnen de,
de to mi passen deit.
As ik trüchkeem, harr i funnen,
wokeen ik sülven bün.

Am Morgen stelle ich fest, dass der heftige Regen, der so interessant durch unsere Scheinwerferstrahlen fiel, auch schneedurchsetzt gewesen sein muss, denn der Hafen und das Hafeneis von Kemi bieten sich jetzt leicht schneeüberzuckert dar.
Um 11.30 Uhr Ablegen im Hafen von Kemi; wir erhoffen uns 2 Stunden Fahrt durch aufgebrochenes Eis Kurs Süd. Aber um 12. 45 Uhr ist Stillstand im Packeis, das sich am südlichen Rand des Eisfeldes durch anhaltenden Südwind zusammengeschoben hat. Funkkontakt zum finnischen Eisbrecher, den wir 1 sm zuvor schon passiert hatten und der dort auf Posten lag, um solchen wie uns zu helfen.

Finnischer Eisbrecher kommt zu Hilfe.

Der lässt erst einmal seine Maschine warmlaufen, ehe er zu uns aufschließen kann. Parallelel zu unserer Fahrtrichtung bricht er das Eis auf, so dass das von uns gebrochene Eis aus unserer Fahrspur dorthin seitlich ausweichen kann. Gelegenheit, schöne Fotos zu machen. Etwa 5 sm bis zur lange schon erkennbaren Packeiskante begleitet er uns. Um 14.00 Uhr sind wir endlich im freien Wasser. Jetzt noch etwa 70 Stunden werden wir für die Heimreise nach Lübeck unterwegs sein.
Während all der Eisfahrten ging mir als ehemaligem Schiffseigner mitleidsvoll durch den Kopf, wie sehr die Schiffsaußenhaut und ihr Anstrich doch abgenutzt und verschlissen werden. Mir tat es vor Jahren schon einmal weh, mit meiner Yacht durch nur 1 cm dickes Eis fahren zu müssen, das sich in einer Frühjahrsnacht in Burg auf Fehmarn einmal gebildet hatte.
Zu dieser Rückreise, fast ohne Landsicht und vor allem auf glatter See, auf der das Schiff bewegungslos aber bei Wintertemperaturen vor sich hingleitet, drängt sich mir der Gedanke auf, wie anders und erlebnisreicher eine sogar 12-tägige Rückreise von Costa Rica nach Hamburg für mich einmal war. Die „Hornbay“ der Hornreederei, vollbeladen mit Bananen und Ananas, lief damals in der Westwinddrift und schräg achterlich auflaufenden Wellen mit Rollbewegungen bis 35° Amplitude. Das war, verglichen mit unserer Fahrt auf glattem Wasser, eine kurzweilige aber gymnastisch fordernde Tour mit einer aufgeschlossenen russischen Mannschaft.
Gewiss, die Vergangenheit lässt manches vergoldet erscheinen, aber ich habe nie wieder so abwechslungsreiche und zufriedene Seetage erlebt! Dass mir das auf dieser Ostseereise nicht zufällig einfällt, hat wohl seinen Grund.
Anderen Frachterreisenden sei in diesem Zusammenhang verraten: Kojen quer zur Fahrtrichtung angeordnet, sind immer gut, hier auf der Ostsee indessen kaum nötig. Denn Kojen in Schiffslängsrichtung bringen beim Rollen des Schiffes den Liegenden ebenfalls ins Rollen und um den Schlaf. Selbst Reihen unter die Matratze gelegter Rotweinflaschen beheben das Problem kaum. – Da hilft auf dem Atlantik nur: Matratze auf dem Kammerboden in Querrichtung auslegen. Wenn einmal der Kopf oben ist und einmal die Beine… tut nichts, kein Rollen!
Es geht derzeit zwar zügig Kurs Süd, aber Wind 3 aus Süd und dazu der Fahrtwind machen es bei +1° doch ungemütlich draußen. Um 17 Uhr gibt’s Dinner und ein Grog vorher ist ein wärmendes Zwischengetränk.
Mittwoch, 4. März
Wohl dem, der einen leichten Schlaf hat: Um 4.30 Uhr spüre ich Fahrtreduzierung. Auf die Brücke gegangen, sehe ich vor uns kilometerweit sich erstreckende hell erleuchtete Industrielandschaft. Wir laufen ein zu einem für uns unerwartetem Zwischenstopp in Husum (gesprochen Hüsüm) auf 63.20°, südlich der Durchfahrt Norra Kvarken an der schwedischen Ostküste.
Ein an Bord befindlicher Lotse gibt bereitwillig Auskunft: Wir steuern eine riesige Papierfabrik an, die aber Kartonagen macht. Wir sollen hier noch Ladung aufnehmen. Fest sind wir zwar um 5.40 Uhr, aber das Laden beginnt wohl erst später…
Vor dem Frühstück erst noch einen kleinen Decksrundgang gemacht: Zur Landseite/Industrieseite die grauenhaftesten Dämpfe und Abgase, in die die Fabrikanlagen ständig eingehüllt sind, und zur anderen Seite friedlichste Fjordlandschaft, dicht baumbestanden mit ein wenig Schnee dazwischen. Fotomotive zu beiden Seiten!

Der Hafen von Husum in Schweden.

Inzwischen ist hier fast die ganze Mannschaft ausgetauscht worden, auch der bisherige Käpt’n ist von Bord gegangen. Der Neue, ein solider Mittvierziger, verrät mir auf Befragen, dass wir um 9 Uhr auslaufen werden. Später stelle ich fest, dass nur Ingela, die Smutjin, und die drei Philippinos von der alten Mannschaft noch dabei sind.
Dieser offenbar sonst nicht übliche Zwischenaufenthalt, der nur 4-5 mal jährlich stattfindet, zeigt überdeutlich, wie inmitten unbeschadeter Natur, magerem Wald auf ansteigender felsiger Uferküste, die abscheulichste Industriearchitektur wie aufgepfropft erscheint… von eigenproduzierten Dampfwolken umhüllt. Einprägsame Bilder für den, dem diese Erkenntnis zugänglich ist.
Aus der Bucht herausgefahren, geht es ab 9.30 Uhr vor der Schärenküste Kurs Süd mit 189°, dann jedoch ohne Halt bis zum Bestimmungshafen – erwartete ich. Aber das war falsch gedacht, wie ich später feststellen darf.
Ein freundlich-trockener Himmel überdeckt zu dieser Zeit die Wasserfläche und die 3 Windstärken aus NNW wären herrlichstes Segelwetter Kurs Heimat. Dass ich mich in allen Wettersituationen immer auch als Segler erlebe, möge man mir nachsehen.
Heute, wie alle Tage gegen Mittag, die Sauna als zusätzliches Gestaltungselement des Tages angestellt, denn von 12 bis 15 Uhr ist sie planmäßig den Passagieren vorbehalten.
Ein sonnig-freundliches Wetter mit 3 Windstärken hält sich den ganzen Tag über, aber soviel ich auch ausschaue, meine Freunde, die Schweinswale oder Tümmler, sehe ich hier nirgends auftauchen. Vielleicht finden sie in dieser öden Bottnischen See nicht genug Futterfische? Zwischen den dänischen Inseln habe ich sie früher oft beobachten können.
Donnerstag, 5. März
Um 6 Uhr erster Weg auf die Brücke: Gotska Sandön, nördlich Gotlands gelegen, an Backbord querab. Überwiegend blauer Himmel bei NW-Wind, Stärke 3. Sollte der Nordwind dem Norden Mitteleuropas ein sonniges Winterwetter bereitet haben? Es sieht danach aus.
10 Uhr Visby auf Gotland jetzt querab, dabei sonnig!
15.15 Uhr interessant: Der NW-Wind ist immer mehr abgeflaut, letztlich gar kein Segelwind mehr und plötzlich sieht man sogenannte Katzenpfötchen, winzige Gegenwellen auf der Oberfläche der schwachen alten Wellen, die noch durchstehen; und zwar kommen sie aus Süd, die Katzenpfötchen! Die Winddrehung kündigt sich damit an, das strahlende Wetter könnte umschlagen.
16.30 Uhr querab von Ölands Södra Udde, doch noch immer Sonnenschein und glattes Wasser. Indes am Horizont zeigen sich Wolkenschichten, die den Sonnenuntergang verbergen werden. Aus lauter Tätigkeitsdrang eine neue Tischstele für rauchgraues Plexiglas entworfen.
22 Uhr Bornholm an Backbord passiert und vor uns liegt nur noch die Fahrt bis in die Tiefe der Lübecker Bucht und in die Trave hinein.
Freitag, 6. März
Letzter halber Reisetag: Ich höre, der Lotse ist vor Travemünde für 10 Uhr bestellt; es dürfte keine Schwierigkeit sein, den Zeitplan einzuhalten.
7 Uhr, die Kadetrinne ist passiert und wir sind zurzeit nördlich Rügen bei mäßiger Sicht, bedecktem Himmel und 5 Windstärken aus SW. Der Wetterwechsel, wie er sich durch die Linksdrehung des Windes angedeutet hatte, ist eingetreten.
Beim Frühstück unserem Smutje Ingela das Rezept ihres köstlichen Brotes zu entlocken, misslang leider: soll offenbar ein Geheimnis bleiben, das nur sie im Kopf hat.
10 Uhr, der SW-Wind hat wieder abgenommen und vor Travemünde kommt der Lotse an Bord, der uns bis Lübeck-Nordlandkai begleiten wird, wie wir zunächst glauben.
Die etwa einstündige Fahrt auf der Trave, die wir bei der Ausfahrt nur in finsterer Nacht erleben konnten, zeigt sich bei langsam aufheiterndem Wetter von ihrer freundlichen Seite: Ein geschlängeltes, teils auch kanalisiertes Fahrwasser zwischen Industrie, Containerplätzen, Siedlungen und Wiesen.
Travemünde passierend, verrät uns der deutsche Lotse, dass wir zuvor in Schlutup anlegen würden, um einiges zu entladen. Wie sich dort – um 11.30 festgemacht – herausstellt, werden hier die in Husum übernommenen Kartonagen-Kollis ausgeladen und in Hallen verfrachtet. Mithin wird sich eine Verzögerung der Ankunft in Lübeck um etwa 2 Stunden ergeben.
Was ich gar nicht mehr erwartet hatte, geschieht: Ingela, die Köchin, kommt mit einem halben frischgebackenen Spezialbrot auf mich zu und überreicht es mir zum Abschied. Abermals frage ich nach dem Rezept und sie verrät nur soviel: Roggen- und Weizenmehl, nicht Gest (Hefe) verwenden, sondern Natriumbicarbonat und als Gewürz Anis und Fenchel in Pulverform…
Ich hoffe, Freundin Anne wird es nachbacken können. Auch Ingela wird hier aussteigen und für 6 Wochen frei haben, verrät sie kurz vor dem gemeinsamen Vonbordgehen.
Unser Drehmanöver vor dem Anlegen an den Papierkais, dauert seine Zeit; doch dann ist es soweit, dass wir ein Taxi zum Bahnhof rufen können. Unser Gepäck wird in bewährter Weise mit dem Bordkran auf die Kaifläche gesetzt, und alsbald ist auch das Taxi da, das uns zum Bahnhof bringt.
Die insgesamt 7-tägige Fahrt gen Norden und zurück hat uns zwar nur 3 Tage im Eis und 4 Tage in freiem Wasser geboten, aber diese Tage im Eis waren informativ genug, um den Titel „Eisbrecherfahrt Kurs Polarkreis“, der kurz nördlich von Kemi liegt, zu rechtfertigen.

Nachgedanken
Vorweg gesagt, bot die Reise nicht ganz das, was ich von solch einer Eisfahrt erwartet hatte. Aber das war begründet durch das milde Wetter dieses Winters. Dennoch, die drei Tage bei Oulu und Kemi im Eis gaben einen Begriff von der Fähigkeit dieser Schiffe, damit fertig zu werden.
Was die Länge solcher Reiseabschnitte ohne besondere Erlebnisse anbelangt, sollt man – zumindest imWinter – gegebenenfalls das Gemüt eines Elefanten haben, um daran Genüge zu finden. Das zu haben, sollte man sich bemühen, meine ich. Die Fahrtunterbrechung unserer Heimreise im schwedischen Husum war aus dieser Sicht eine unerwartete aber angenehme Reiseergänzung. Und dass während der Rückfahrt die ach so schweigsame erste schwedische Mannschaft ausgetauscht wurde, hat sich in meinen Augen auch positiv ausgewirkt.
Für diejenigen, die womöglich ängstlich die bei der Frachtschifffahrt spürbaren Geräusche befürchten, sei gesagt: Obwohl die Maschinen in diesem Falle vorn unter dem Deckshaus und der Kommandobrücke liegen, ist die gesamte Geräuschentwicklung in der Kammer beispielsweise vergleichbar mit dem Summen, das man aus etwa 5 Meter Entfernung bei geschlossener Tür von einer Waschmaschine beim Schleudergang hört. Ich hoffe, das ist anschaulich genug ausgedrückt.
Wiederholen würde ich diese probeweise vorgenommene Fahrt nicht. Die Sommerreisen mit diesem Schiff sind mir stattdessen in angenehmerer Erinnerung – wahrscheinlich auch deswegen, weil mich ein Freund begleitet hatte.

Über Carl Groth

Carl Groth

Verliebt in die See und die Seefahrt - die er lange auf dem eigenen Segelboot genoss. Nun ist er auf Frachtschiffen unterwegs.

Eine Meinung über “Eisbrecherfahrt Kurs Polarkreis

  1. Lieber Schriftsteller-Kollege Carl!
    Aus vielfältigen Begegnungen bei der jährlichen Bad Bevensen-Dagfahrt, dem überregionalen Schriftstellertreffen in plattdeutscher Sprache, hast Du meine Verehrung für Dein kreatives schriftstellerisches Wirken in Plattdeutsch. Nach der Lektüre Deines Reiseberichtes mit dem Eisbrecher Kurs Polarkreis bewundere ich die flüssige und schlanke hochdeutsche Sprache aus Deiner Feder. Ein Vergnügen, Deine Schilderung zu lesen.
    Ik grööt Di
    Hans-Hermann

    Hans-Hermann Briese | | Antworten

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