Winterspaziergang am Nordseestrand

In bummelig 6 Kilometern Entfernung hat Sylt ihre dänische Schwesterinsel: Rømø. Es ist nachmittags vor drei Uhr. Noch keine Kaffeezeit. Noch nicht einmal Zeit für Kuchen. Ok. Na dann. Gehen wir eben noch eine Runde spazieren. Wenige Tage nach der Wintersonnenwende ist es auch tagsüber selbst bei schönem Wetter nicht richtig hell.

Von Flensburg aus fährt man eine gute Stunde – wer will, verlässt die Autobahn früh oder nutzt sie erst gar nicht. Viele und landschaftlich schöne Wege führen nicht nur nach Rom, sondern auch nach Røm – oder besser: Rømø. So heißt die Insel gleich neben Sylt im dänischen Wattenmeer. Die Friesen haben ihr einst den Namen Rem gegeben. Aber das ist lange her. Keine Friesen mehr in Sicht. Dafür umso mehr Möwen. Die gab es vor Jahrhunderten sicherlich auch schon massenweise. Sie sind geblieben. Ist ja auch schön da.

Rømø ist die südlichste dänische Nordseeinsel. Das war sie nicht immer. Es gab auch mal Jordsand. Das ist untergegangen. Der blanke Hans hat sie sich geholt. Rømø ist geblieben. Zum Glück. Schon lange – seit 1948 – verbindet die Insel ein Damm mit dem Festland. Auf ihm kommen die knapp 620 Inselbewohner bequem mit dem Auto hin und her – sogar mautfrei. Und nicht nur sie nutzen ihn. Tausende Touristen überschwemmen den breiten Sandstrand besonders im Sommer. Wer will, kann mit dem Wagen sogar ganz dicht ans Wasser fahren. Das machen auch die Winterspazergänger. Die Dünen gucken zu.

Seit 2007 gehört die Insel zur Kommune von Tondern. Im 17. und 18. Jahrhundert hat der Walfang die Insel reich gemacht – genauso wie die meisten deutschen Nordseeinseln. Damals war es Brauch, die Walfängerschiffe mit einem großen Feuer am Strand zu verabschieden. Das war jeweils am Vorabend des Peterstages am 21.Februar. Mit den großen Feuern waren die Dänen an dem Tag nicht allein.
Bis heute säumen an der deutschen Nordseeküste sich die Biikefeuer. Es ist auch der Tag des Biikebrennens.
Die Möwen am Strand kümmert diese Historie nicht. Obwohl – einen Walkadaver hätten sie bestimmt auch gern mal wieder so ganz für sich allein… Den gibt es aber nicht. Muscheln schmecken auch gut und die liegen haufenweise herum.

Noch ein bisschen Sport tut nun gut. Mit dem Kite über den Strand zu kajohlen verbrennt sicherlich auch mehr Weihnachtskalorien als ein einfacher Spaziergang. Der Kiter muss sich beeilen. Bald ist die Sonne ganz weg. Es ist schließlich schon um drei Uhr herum. Die Kaffeetafel lockt langsam.
Umdrehen? Der Verlockung nachgeben? Nee. Nachgeben ist etwas für Faule. Wir laufen noch ein Stück an diesem schier endlosen Strand entlang. Die würzige Winterluft tut gut. Gern geht man noch ein Stück.

Bei Ebbe ist der Strand hier bis zu 4 Kilometer breit. Alles Sand! Feinster Sand! Beste Qualität! Wie man das wissen kann? Ist doch ganz einfach: Der ist direkt von Sylt angespült! Und da lässt man ihn sich schließlich tüchtig was kosten!
Wind, Wellen und Gezeiten bringen ihn anschließend gratis nach Rømø. Des Einen Leid wird hier zur Freud des Anderen.
Deutlich zeigt sich: die Natur macht was sie will. Und das ist gut so. Sie lässt den Menschen den Kürzeren ziehen und zeigt, wer letztendlich der Boss auf diesem Planeten ist. Die Natur lässt den Menschen lernen – oder eben auch nicht.

Die Möwen begleiten die Spaziergänger – halten zum Glück aber guten Abstand. Man ist ja schließlich auch nicht bei Hitchcock zu Gast. Die Möwen wissen wahrscheinlich auch, dass sie keine Krähen in einem alten schwarz-weiß-Film sind und Abstand zu halten haben.

Die Flattermänner werden langsam müde und setzen sich ins Watt. Sie warten auf das große Schiff. Viel mehr ist momentan auch nicht los.
Havneby, wörtlich übersetzt: „Hafendorf“, verbindet Rømø. Hier läuft mehrmals täglich die Syltfähre ein und aus. Im Sommer öfter, im Winter weniger oft. Krabbenfischer gehen auch von hier aus auf Fang. Heute aber nicht mehr. Heute kommt nur noch die Sylt-Express. Die Fahrt nach List dauert um die 40 Minuten. Wie gesagt, viele Wege führen nach Rom, äh, Røm.

Das letzte Tageslicht verabschiedet sich. Nun ist auch endgültig Kaffeezeit. Heißer Tee geht genauso gut. Sogar Kakao schmeckt nun fantastisch. Schließlich ist es kalt und die Winterluft ist durch Jacke und Hose gekrochen und hat den Körper kräftig gekühlt. Zeit für die Möwen, sich einen lauschiges Plätzchen zum Ausklang des Tages zu suchen. Und das gilt nicht nur für das Federvieh. War da nicht eine Bäckerei? Ja! Da war eine! Da gibt es auch den heißersehnten Kaffee! Kuchen auch! Also nichts wie hin!

Rømø beeindruckt. Zücken wir also den Terminplaner. Gleich mal gucken, wann es passt. Hier muss man dringend wieder her!

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

Eine Meinung über “Winterspaziergang am Nordseestrand

  1. Eine interessante Orts- und Situationsbeschreibung, die in mir die Neugier weckt. Werde demnächst mal mit meinem Hund nach dort fahren und mir den Wind um die Nase blasen lassen. Die jodhaltige Luft ist in den Nordsee- Gefilden allemal gesünder, vitaler als an dem Binnenmeer Ostsee.

    Waldemar Paulsen | | Antworten

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