Ein Adeliger im Milieu?

Nachtschichten auf dem Kiez sind hart. Besonders, wenn man vorher einen anstrengenden Tag hatte. Und dann gibt es Ärger wegen der Zeche.

Im Februar 1980 kam morgens gegen 05:00 Uhr eine Funkstreifenwagen- Besatzung von dem Einsatz: „Zahlungsstreit im Lokal „Karin und Viktor“ in der St. Pauli Hafenstraße/ Ecke Balduintreppe“ in die Davidwache zurück.
1983 wurden alle Häuserblocks um diese Kneipe von Mietern geräumt. DieWohnungsbaugesellschaft SAGA beabsichtigte, diese Mehrfamilien- Wohnhäuser abzureißen und Neubauten zu errichten.

Es kam anders!

Bereits 1980 waren schon die meisten Wohnungen und Schankwirtschaften leer stehend.
1981 besetzten die Autonomen, Punker und Stadtstreicher diese acht leer stehenden Gebäude.
Laut Kollege Alfred war der Einsatz erledigt. Eine Straftat lag nicht vor.
Ich erkundigte mich bei dem Einsatzleiter Alfred, welcher Kellner heute anwesend gewesen sei und er antwortete:“ Der Mann sagt, er sei neu!“
Nach dem Namen befragt, antwortete Alfred, dass er …“Alexander von Schweppenburg“ heiße.
Dieser Name ließ mich sofort argwöhnisch werden.
Ich hätte fast laut gelacht.In Abstimmung beschloss ich, mich mit meinem Partner dieser Nacht, es war „Muschi“, ins Lokal zu begeben. Der „Schnelle“ hatte dienstfrei.
Dort trafen wir den zur Personenbeschreibung von Alfred passenden ominösen „Alexander von Schweppenburg“ an.
Er stand hinter dem Tresen und bediente die Gäste der Schankwirtschaft.
Es war eine düstere Kneipe neben der Balduintreppe, die zur höher gelegenen Bernhard- Nocht- Straße und somit zum Kiez führte.
In dieser Kneipe hatte sich wohl nur zur Eröffnung vor zwanzig Jahren einmal eine Putzfrau die Mühe gemacht, den Laden rein zu halten.
Die Bude war rauchgeschwängert, die Gäste qualmten wie die Teufel. Das Nikotin von Jahrzehnten hatte seine Spuren an den Gardinen, den Holzmöbeln, der Decke und den Wänden hinterlassen.
„Von Schweppenburg“ war nicht in der Lage, ein gültiges Ausweispapier vorzulegen. Er erwähnte, dass er seinen Ausweis verloren hätte. Der Mann zeigte uns eine alte Verdienstbescheinigung ohne Lichtbild mit diesem Namen.
Wir waren nicht zufrieden mit dem Ergebnis.
Ein Adeliger im Milieu? Nicht ausgeschlossen – oder doch?  Wir wollten Beweise sehen.
Der Mann war scheinbar 54 Jahre alt, trug einen manierlichen Kurzhaarschnitt, war stämmig mit Bauchansatz und breitschultrig. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er regelmäßiger Gast in einem Fitness- Studio sein würde.
Auf Nachfrage sagte er, dass er in einem Zimmer der Kneipe wohne.
Unserer Forderung, das Zimmer in Augenschein nehmen zu wollen, stimmte er zu.
Zu dritt suchten wir den Raum auf, der eher einer Rumpelkammer glich. Ich öffnete die Tür mit einem Schwung, sodass das Türblatt fast gegen die Wand klatschte, aber nur fast.
Plötzlich hörte ich ein Quicken und eine dicke Ratte huschte über meinen rechten Fuß, um sofort in einer anderen Ecke des Zimmers verschwinden zu können.
Ich hatte mich in dem Moment sehr erschrocken und als Reaktion einen leichten Luftsprung vollzogen, dazu schrie ich das am häufigsten benutzte Wort aus der Fäkalsprache, nämlich „Scheiße!“
Hinter der Tür lagen diverse Kartons gestapelt, gegen die die Tür gestoßen war. Vermutlich saß die Ratte in diesem Stapel und wurde durch das spontane Öffnen der Tür und dem Stoß gegen das Türblatt gegen die Kartons aufgeschreckt.
Der Raum war dunkel.
Die einzige Lichtquelle an der Decke war defekt. Dieses „Zimmer“ befand sich im Kellergeschoss. Wir konnten durch zwei kleine Fenster, die mit jeweils vier Eisengitter- Stäben gesichert waren, nach draußen in die Nacht sehen.
Auf Augenhöhe sah ich auf den Gehweg. Die Straßenlaternen waren noch in Betrieb. In kurzen Abständen fuhr ein Auto in beide Richtungen vorbei. So langsam setzte der Berufsverkehr ein.
Es fing plötzlich heftig an zu regnen. Das Regenwasser klatschte gegen die Fensterscheiben und lief in breiten Streifen an ihnen herunter.
Ich war schon ziemlich kaputt, hatte um 21:30 Uhr den Dienst angetreten, den Tag über zu Hause hart gewerkelt und mich um meine beiden Kinder gekümmert, während meine Frau zur Arbeit war. An diesem Tag hatte ich nachmittags keine Runde mehr geschlafen.
In Luftlinie befand sich auf der gegenüberliegenden Seite die Werft Blohm & Voss.
„Muschi“ ging nach draußen und holte aus unserem Auto eine Taschenlampe, mit der es gelang, sich einen kleinen Überblick über den Raum zu verschaffen.
Der Raum war absolut kahl und kalt.
Tapeten waren nicht vorhanden, sondern nur an vor vielen Jahren weiß getünchten Wänden große Flecken von Schimmelpilz.
Mir war unwohl, ich hätte niemals freiwillig in diesem Loch nächtigen wollen. Selbst die mir bekannten Örtlichkeiten der Sankt Paulianer boten nichts Vergleichbares. Dieser Ort ließ in mir den Gedanken keimen,dass man nur so „höhlen“ könne, wenn man sich verborgen halten will.
Ob dieses Argwohnes durchsuchte „Muschi“ seine persönliche Habe, die aus einer in die Jahre gekommene, abgenutzte Reisetasche aus Lederimitat bestand, während ich mit dem Mann sprach.
„Muschi“ fand Hinweise auf andere Personalien.
Immer wieder ertappte ich mich dabei, die Eigensicherung zu vernachlässigen, weil ich ständig auf den Boden in unterschiedliche Richtungen sah, um die Ratte zu entdecken. Ich sah sie nicht mehr.
„Muschi“ sagte nun vernehmlich grinsend zu mir:“ Dazu fällt mir was ein: „Verwandte sind wie Ratten, was sie nicht sofort fressen und saufen, das schleppen sie anschließend weg!“
Der Adelige grinste und murmelte:“ Das stimmt!“
Wir stellten fest, dass die von ihm genannten Personalien falsch waren und dieser Mann eine Reststrafe von 1384 Tagen von einer Gesamtfreiheitsstrafe von 6 1/2 Jahren wegen schweren Raubes zu verbüßen hatte.
Er war seit drei Jahren flüchtig und hielt sich verborgen.
Wir verhafteten ihn und führten ihn mit Handfesseln der Davidwache zu. Bis zum Betreten des Gebäudes hatte er sich nach der Verhaftung absolut schweigsam verhalten.
In der Dienststelle umarmte er mich und bedankte sich, weil er nun von dem seit drei Jahren andauerndem Stress befreit war. Er fühlte sich ständig verfolgt und beobachtet, konnte nicht mehr durchschlafen und hatte keine Lebensqualität mehr, das sollte sich in Zukunft ändern.
Ich hatte wegen der Verhaftung keine Gewissensbisse. Er war zu 6 1/2 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden, das ist bei deutschen Gerichten schon heftig. Dafür hatte er mit Sicherheit auch kräftig ausgeteilt. Er verdiente es wohl, in ähnlicher Form zu leiden wie das Opfer, obwohl er die Ursache für diese Handlung gesetzt hatte. Das Opfer sollte auf alle Fälle noch immer deutlicher im Fokus stehen, als dieser „arme“ Täter.
Das Böse ist immer böse, da gibt es keine Hierarchie.

Mehr Geschichten und zum Autor:

http://waldemar-paulsen.de

Über Waldemar Paulsen

Waldemar Paulsen

Er ist im Norden aufgewachsen und hat als Polizist jedes Laster des Hamburger Kiezes kennengelernt. Dem Norden ist er immer noch treu!

Mehr von Waldemar Paulsen im Internet

Eine Meinung über “Ein Adeliger im Milieu?

  1. Spannend und unterhaltsam geschrieben. Der Text liest sich sehr flüssig, so dass er bis zum Schluss unterhaltsam bleibt.Besonders die angsterfüllten Versuche, der Ratte zu entfliehen, ließen mich schmunzeln.

    Hansen | | Antworten

Hinterlasse deine Meinung