Allabendlicher Kitsch im Norden

Mein Güte! Es ist doch nicht auszuhalten! An jedem lauen Sommerabend derselbe Kitsch! Der Himmel macht Werbung für billige Fototapeten…

Ist das zu fassen? Der Himmel gehört blau! Das weiß doch jedes Kind. Aber nein, abends bekommt das Azur einen Tritt, darf sich auf die andere Erdseite kugeln und was übrig ist, das brennt. Es brennt rot. Und Orange. Gelb schleicht sich auch immer wieder ein. Nur Blau hat wenig Chance. Aber was soll’s. Blau hatte ja tagsüber jede Menge Gelegenheit für diverse Auftritte. Eitelkeit hat am Himmel nichts zu suchen, auch wenn er sich so gibt. Ein radschlagender Pfau ist gar nichts dagegen. Schäme er sich! Mehr Bescheidenheit bitte!

Wie soll man es anders sagen? Das Licht war einfach klug. Das muss man ihm lassen. Es ist intelligente Allianzen mit den Wolken eingegangen. Das zahlt sich nun aus. Ganz beiläufig und selbstverständlich mogeln sie sich in Gesichtsfelder. Sie nehmen Blickkontakt mit ihrem Publikum auf. Und was haben die armen Menschen davon? Sie verrenken sich den Nacken bis sie schielen. Es macht sie dumm im Kopf. Plötzlich fällt ihnen nichts mehr außer „Ah!“ und „Oh!“ ein. Dabei hat das Alphabet so viele verschiedene Buchstaben, die völlig variabel sind und auf vielfältige Anwendung warten. Aber nein, der Anblick macht die Münder sogar eher stumm. Und dann knipsen diese ausgewachsenen Menschen nur noch infantil mit dem Telefon. Himmel, darfst Du das?

Auf ins psychedelische Paradies. Wer sich nun gerade auf dem Wasser herumtreibt, hat Pech. Wahrscheinich möchte er am liebsten schreien: „Stellt dieses viel zu große photogeshopte Gedusel ab!“ Vielleicht ruft dann einer zurück: „Das ist ist nicht bearbeitet! Das gehört so! Ist alles echt!“
Ach du liebe Güte! Das ist für Fotobearbeitungsprogramme aller Art richtig geschäftsschädigend. Der Himmel ist skrupellos! Verantwortungslos ist er auch. Mindestens.

Der olle Himmel setzt noch einen drauf. Seine Verführungskünste sind schier endlos. Der hat doch Drogen genommen! Wie kriegt der das sonst hin? Geht ja gar nicht anders! Wachsen im Himmel eigentlich Pilze? Solche, die das Bewusstsein erweitern können? Man weiß es nicht. Will man ja vielleicht lieber auch gar nicht wissen…
Vielleicht ist alles auch nur ganz harmlos. Der Tag geht schließlich zu Ende. Da ist innere Einkehr ja nie ganz verkehrt. Wenn der Himmel uns nur mal eben zum Innehalten anhalten will, dann kann man nur sagen: „Chapeau! Das hast Du trickreich geschafft!“

Nicht nur der Mensch, sondern auch das Tier muss diese Ruhe aktiv durchleben. Während erstere den Atem staunend anhalten, was machen dann die anderen? Die Möwen? Die staunen doch auch nicht schlecht. Was, wenn die auch die Luft anhalten? Dass die gar nicht herunterfallen? Reif für die Mund-zu-Schnabel-Beatmung…? Sie bleiben stur oben. Wieder ein Wunder!

Aber zurück zu uns Menschen. Wir müssen wachsam sein. Der Himmel neigt nämlich auch zum Schummeln. Da zeigt er diese Farben rot, orange und gelb, leuchtet uns damit das Hirn dicht und wir denken: „Okay, ist Abendrot.“ Wenn er das merkt, könnte er sich unter Umständen über uns totlachen. Warum? Ganz einfach. Der legt uns rein und das ist gar kein Abendhimmel. Das macht der auch morgens bei Sonnenaufgang, dieser eitle Schlingel. In den schönsten Farben lässt er uns seine Macht spüren. Dann strahlt der die Wolken auf eine Art und Weise an, dass sie dicht und dick über uns hängen. So, als wollte er uns sagen: „Leute, Asterix und Obelix hatten recht mit ihren Ängsten und Bedenken! Ja, der Himmel KANN Euch auf den Kopf fallen!“ Wohl dem, der ein paar Masten zur Hand hat, die ihn hochhalten!

Zum Glück dürfen wir in diesem Moment auf Beistand hoffen. Das Azurblau drängelt das viele Rot auf Seite und füllt die Lücken mit seinen vielen Schattierungen. Wir sind dem Kitschdrama entgangen. Ein wenig hält es sich noch. Azur ist mitleidiger mit uns. Kühl bringt es uns durch den Tag. Das ist auch besser für den Kopf. Ewig wird es uns nicht schützen können. Nach einigen Stunden ist wieder Schluss. Das Blau wird wieder erbarmungslos verdrängt.

Nun gut. Wir haben es begriffen. Wir beugen uns. Da kommt keiner gegenan. Muss wohl so sein. Genießen wir den Tag. Bis zum Abend also! Da capo al fine…!

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

3 Meinungen über “Allabendlicher Kitsch im Norden

  1. Wohl den Seglern, denen unterwegs all so etwas geboten wird und die ein Auge dafür haben, es für uns festzuhalten und obendrein ein paar launige, ironische Worte dazu finden!

    Gute Idee, eine Bereicherung für VdN,
    meint Kuddel Groth

    Carl Groth | | Antworten
  2. „Chapeau! Das hast Du wunderbar geschrieben!“

    Herzliche Grüße

    Michael S.

    (…auch geteilt)

    Michael | | Antworten
    1. Christianne Nölting

      Danke! Freue mich. Diese und andere Reportagen sind vor Kurzem auch in dem Buch „Voll der Norden – Reportagen mit Nordblick“ erschienen. Nur für den Fall, dass diese Texte auch mal verschenkt werden sollen… ;-)))
      120 Seiten, Quickborn-Verlag, 12,80 Euro

      Christianne Nölting | | Antworten

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