Die Briefschlitz- Arie

Es war im Sommer 1981. Mittags um 12:00 Uhr checken der „Schnelle“ und ich noch diverse amtsbekannte Milieupersonen nach Suchvermerken. Siehe da! Es ist ein Haftbefehl für den üblen Schläger Blücher eingetroffen…

Es handelt sich um einen Untersuchungshaftbefehl, weil Blücher der Gerichtsvorladung zu seiner mündlichen Hauptverhandlung nicht gefolgt war.

Blücher war ein Hüne von Kerl – 196 cm hoch gewachsen. Eine Statur wie „Conan der Barbar“, also Arnold Schwarzenegger, 36 Jahre alt, mit einer weizenblonden Mähne, in der man ein Vogelnest vermutete, vergleichbar mit der Frisur einer ehemaligen Bundespräsidenten-Anwärterin. Er trug ständig eine Manchester-Hose mit Weste und sah damit aus wie ein Zimmermann auf Wanderschaft. Seine Fingerkuppen waren braun-gelb vom Kettenrauchen. Dieser Zweizentner-Körper hatte Pranken, die wie zwei Baggerschaufeln aussahen. Er rauchte Reval ohne Filter.

Blücher war wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, weil er vor einem halben Jahr in einer heruntergekommenen Schankwirtschaft am Ende der Großen Freiheit einen Rentner mit einer Fahrradkette dermaßen verprügelte, dass dieser wegen eines Schädel-Hirn-Traumas vier Monate stationär im Krankenhaus behandelt werden musste und Folgeschäden noch nicht absehbar waren.

Der trunkene Rentner hatte nur zu ihm gesagt, dass er „lieber arbeiten gehen solle, statt zu saufen.“

Wir steckten den „roten Zettel“ ein. So hießen die Haftbefehle im Sankt Pauli-Jargon und machten uns auf die Suche nach dem Gewalttäter.

Zuerst suchten wir seinen offiziellen Wohnsitz in einem Mehrfamilien- Wohnhaus in der Paul-Roosen-Straße auf.

Es öffnete niemand. Bei unserer Hausrecherche brachten wir in Erfahrung, dass Blücher schon seit Monaten nicht mehr in dem Haus gesehen wurde.

Ein Mieter berichtete, dass wir es einmal bei seiner neuen Freundin in der Großen Freiheit/Ecke Simon-von Utrecht-Straße versuchen sollten. Dort würde Blücher in der II. Etage bei Serena Baumgarten wohnen.

Gesagt getan. Wir klingelten vor der Haustür bei einem anderen Mieter, der uns elektrisch die Tür zum Treppenhaus öffnete.

Vor der Wohnungstür Baumgarten legte ich ein Ohr an das Türblatt und vernahm sogleich Geräusche aus der Wohnung.

Im unteren Drittel des Türblattes befand sich mittig ein Briefschlitz, durch den man Postsendungen und Zeitungen in den Wohnungsflur werfen oder stecken konnte.

Diese Art Türen waren bis in die Fünfzigerjahre in solchen Häusern üblich. Man hatte noch keine Briefkastenanlage im Parterre des Treppenhauses angebracht.

Ein Türspion war nicht vorhanden.

Ich klingelte und eine männliche Person rief: „Wer ist da?“

Ich antwortete: „Die Post, ich habe einen Einschreibebrief für Herrn Blücher!“

„Dann steck‘ ihn durch den Briefschlitz!“

Ich sagte, dass es so nicht möglich sei und ich erst einmal seinen Personalausweis sehen müsste.

„Ich kann die Tür nicht öffnen, weil meine Frau sie verschlossen hat. Wir haben im Moment nur einen Schlüssel und den hat sie mitgenommen!“

Nun erwiderte ich, dass er mir dann zumindest seinen Ausweis durch den Briefschlitz überreichen möge, damit ich die Daten für die Überreichung des Briefes notieren könne.

„Einen Moment!“

Ich hörte ihn durch die Wohnung schlurfen und nach einer Weile ging er innen an die Wohnungstür und schob mir einen Ausweis durch den Briefschlitz mit der Bemerkung: „Hier! Kannst aufschreiben! Aber wiedersehen macht Freude!“

Es war tatsächlich der Ausweis des Gesuchten.

Nun erwähnte ich für ihn  laut hörbar, dass er sich gegenüber der Tür an die Flurwand stellen möge, damit ich durch den Briefschlitz sehend ihn mit dem Lichtbild des Ausweises vergleichen könne.

Er stimmte murmelnd zu und stellte sich wie ein Zinnsoldat an die Wand, als ich die Metalllasche des Briefschlitzes anhob, durch die Öffnung sah und Blücher erkannte.

Der „Schnelle“ riskierte ebenfalls einen Blick und wir waren uns absolut sicher, dass wir „unseren Mann“ hatten.

Von mir kam mit vernehmlicher Stimme: „Blücher, hier ist die Polizei! Du bist verhaftet, mach auf!“

Es herrschte für einen Moment Stille, bis er plötzlich sagte: „OK, aber die Sache mit dem Schlüssel stimmt tatsächlich. Ich kann nicht öffnen. Meine Braut hat den Schlüssel mitgenommen!“

Nachdem nach zehnminütiger Plauderei immer noch nicht abzusehen war, ob er die Tür nun öffnen würde, forderten wir zwei Peterwagen an.

Wir besannen uns auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel und wollten die Tür nicht gewaltsam öffnen lassen, sodass wir eine Peterwagen- Besatzung vor der Tür postierten, die zweite Besatzung an der Gebäuderückseite.

Der „Schnelle“ und ich gingen auf das Nachbargrundstück, wo sich ein Handwerksbetrieb befand.

Dort liehen wir uns eine zusammengesteckte, sechs Meter lange Aluleiter und gingen damit an die Gebäuderückseite der Wohnung Baumann.

Wir stellten die Leiter bis an das Küchenfenster der Wohnung.

Ich stieg nach oben und sah Blücher entspannt in der Küche stehen.

Es bedurfte keiner Bemerkung mehr. Blücher öffnete bereitwillig das Fenster und ließ mich ungehindert einsteigen. Der „Schnelle“ folgte mir.

Er war allein in der Wohnung. Ein zweiter Hausschlüssel war tatsächlich nicht vorhanden. Die Wohnungstür immer noch verschlossen.

Blücher packte seine notwendigen Utensilien für das Untersuchungsgefängnis und verließ gemeinsam mit uns über die Leiter die Wohnung. Zuvor hatte er noch einen Hinweiszettel für seine Freundin auf dem Küchentisch hinterlassen. Nachdem wir das Erdreich unter den Füssen hatten, legten wir ihm Handfesseln an und ließen ihn per Peterwagen der Davidwache fahren.

Von dort wurde er nach Erledigung des Schriftverkehrs mit dem angeforderten Festgenommenen- Sammeltransporter dem Untersuchungsgefängnis zugeführt, wo er zwei Monate auf den Termin zu Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht des Amtsgerichtes HH-Mitte wartete.

Noch mehr Geschichten und Infos:

http://waldemar-paulsen.de/

Über Waldemar Paulsen

Waldemar Paulsen

Er ist im Norden aufgewachsen und hat als Polizist jedes Laster des Hamburger Kiezes kennengelernt. Dem Norden ist er immer noch treu!

Mehr von Waldemar Paulsen im Internet

Andere Webseiten zu diesem Beitrag

  1. waldemar-paulsen.de: Ein neuer Beitrag meiner damaligen Erlebnisse auf der Website Voll der Norden eingestellt | Waldemar Paulsen – Meine Davidwache

Eine Meinung über “Die Briefschlitz- Arie

Hinterlasse deine Meinung