René Glosch, der „Hans im Glück“

Es war im Spätsommer 1976 an einem Sonntagmorgen um 01:30 Uhr, als mich in der Davidwache der René Glosch telefonisch erreichte..

Glosch war mir bekannt. Er war zwei Monate zuvor aus Berlin nach Hamburg gekommen und wurde bereits in der ersten Nacht während seines Aufenthaltes auf St. Pauli von uns in der Discothek „Sheila“, Reeperbahn/Hamburger Berg, wo sich heute die Dependance des Spielcasinos befindet, überprüft.

Dieser „geräuschlose Kaufmann“, wie sich der Zuhälter nannte, war 36 Jahre alt, 180 cm hoch gewachsen, hatte einen Kurzhaar-Facon- Schnitt und trug einen Oberlipppenbart. Er wies einen durchtrainierten Body auf und hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem verstorbenen US- Schauspieler Clark Gable.

Mit erregter Stimme schrie er ins Telefon, ob er mit „Rotfuchs“ verbunden sei, er wäre von vier Männern verfolgt worden, die versuchten, seine Wohnungstür einzutreten, um ihn „fertig zu machen“.

Glosch bat mich inständig um schnelle Hilfe. Dann nannte er mir seine Wohnanschrift in der Großen Bergstraße in Hamburg-Altona.

Er schrie noch, dass er die Leute umlegen würde, falls es ihnen tatsächlich gelänge in die Wohnung einzudringen.

Ich sagte ihm zu, sofort zu kommen.

Ein Peterwagen, dazu mein Partner und ich in einem zivilen Pkw fuhren sofort in eiligem Tempo, der Funkstreifenwagen mit Blaulicht und tösendem Martinshorn vorweg, zu der Adresse.

Es war nicht weit, beginnt doch schon am Nobistor Höhe Große Freiheit der Stadtteil Altona.

Eine Straße weiter Richtung Westen, in unmittelbarer Nähe der ENDO-Klinik war schon die Große Bergstraße.

Dort befinden sich vier dreigeschossge Mehrfamilien-Wohnhäuser nebeneinander mit jeweils drei Hauseingängen und 16 Wohneinheiten.

In dem zweiten Mehrfamilien-Wohnhaus war die besagte Wohnung des Glosch.

Die Treppenhaustür war verschlossen. Ich drückte auf den Klingelknopf des Klingeltableaus der Wohnung Glosch, als wir plötzlich ein in der Nähe befindliches Auto hörten, das mit quitschenden Reifen davon fuhr.

Wir ignorierten diese Tatsache. Es war uns wichtiger zu erfahren, was am Einsatzort vor sich ging. Man muss eben Prioritäten setzen. Ein derartiger Hilferuf, bei dem eventuell eine scharfe Schusswaffe von Bedeutung war, hatte absoluten Vorrang vor einer Strafverfolgung.

Es öffnete uns niemand die Treppenhaustür. Keiner hatte den elektrischen Türöffner bedient.

Sofort legte ich die Hand quer über sechs Klingeln und drückte diese zugleich.

Anhand der angeordneten Klingelschilder hatten wir festgestellt, dass sich die Wohnung Glosch in der zweiten Etage des Drei-Etagen- Wohnhauses linksseitig befinden musste.

Nach einer kurzen Weile bediente jemand die Türentriegelung und wir konnten ins Treppenhaus gehen.

Ein Fahrstuhl war nicht vorhanden. So hasteten wir in die zweite Etage und liefen linksseitig über den offenen Laubengang an vier rechts befindlichen Wohungstüren vorbei und direkt auf die am Ende an der Stirnseite befindliche Wohnungstür zu, an der sich der Name Glosch befand.

Während des Laufens bemerkte ich im rechten Augenwinkel, dass zwei Wohnungstüren einen Spalt geöffnet standen und sofort geschlossen wurden, als wir diese passierten.

Die Wohnungstür Glosch stand einen Spalt geöffnet.

Die hölzerne Türzarge war stark gesplittert. Die Tür musste also gewaltsam geöffnet worden sein. Ein Fußabdruck auf dem Türblatt war deutlich erkennbar.

Wir verharrten an der Türeschwelle und ich rief nach Glosch. Nach einem Moment schrie er aus den weiter hinten befindlichen Wohnräumen: „Haut endlich ab, sonst leg` ich euch um!“

Ich schrie ähnlich laut und sagte: „Hier ist die Polizei, „Rotfuchs“ ist hier! René, mach keine Dummheiten und komm zur Tür!“

„Ne, ne, das ist eine Falle, ich komm nicht!“

Einer meiner Kollegen schaltete die Hausflurbeleuchtung ein und ich konnte durch die obere Glasscheibe einer geschlossenen Tür sehen, dass der dahinter befindliche Raum das Wohnzimmer sein könnte.

Wir tasteten uns nun zu viert mit entsicherten Pistolen in der Hand weiter in Richtung der mutmaßlichen Wohnzimmertür, während ich ständig laut und vernehmlich schrie: „René, wir kommen jetzt ins Wohnzimmer, hab keine Angst, mach keinen Blödsinn!“

Es folgte keine Antwort. Es herrschte Totenstille, als ich seitlich neben der Wohnzimmertür stand, diese öffnete und nach innen in das Zimmer aufstieß.

Die Kollegen hatten sich seitlich im Flur verschanzt.

Ich griff um die Ecke und hatte tatsächlich den Lichtschalter für die Wohnzimmer-Deckenbeleuchtung ertastet. Der Kippschalter wurde von mir betätigt. Die Deckenbeleuchtung erhellte nun das Zimmer und wir sahen ein umgekipptes, schweres viersitziges Sofa aus Eichenholz-Furnier mit einem hässlichen grün-grauen Stoffbezug umgekippt mitten im Wohnzimmer liegen.

Ich vermutete, dass Glosch das Sofa dort umgekippt platziert hatte, um es als Schutzbarriere vor Eindringlinge nutzen zu können.

Mit dem zweiten Blick sah ich nun, dass sich keine Person in dem Zimmer befand.

Von dem Zimmer aus hätte man in das Bad gehen können, wäre die Tür nicht geschlossen gewesen.

Wieder rief ich: „René, komm raus, wir klären die Angelegenheit! Hab keine Angst, die Typen sind weg!“

Immer wieder zweifelte er an meinen Bemerkungen und betonte, dass er durch die Tür schießen würde, falls jemand die Türklinke anfasse.

Bezüglich unserer „Echtheit“ machte ich ihm den Vorschlag, meinen Dienstausweis unter die Tür durchzuschieben, damit er sich überzeugen könne, dass er es tatsächlich mit „Rotfuchs“ zu tun hätte.

Nach einem Moment Bedenkzeit war er damit einverstanden. Ich wies ihn noch einmal deutlich darauf hin, nicht zu schießen und würde nur zur Tür gehen und meinen  Ausweis unterhalb der Tür ins Bad schieben.

Weiterhin sagte ich ihm, dass er eine Mordanklage am Hals habe, wenn er in diesem Moment durch die Tür schießen würde.

Mit mulmigem Gefühl und rasenden Herzklopfen ging ich in gebeugter Haltung zu der Badezimmertür und schob meinen Dienstausweis zwischen Tür und Fußboden ins Bad.

Nach einem kurzen Moment hörte ich ihn erleichtert rufen, dass alles ok sei und er nun rauskommen würde.

Ich schrie, dass er, falls er überhaupt über eine Schußwaffe verfügen würde, diese ins Waschbecken legen möge und mit erhobenen Händen herauskommen solle, weil ein Kollege äußerst nervös sei und ich nicht garantieren könnte, dass dieser nicht sofort schießen würde, wenn er mit einer Pistole in der Hand zu uns komme.

„Mach ich, Rotfuchs, ich komm jetzt!“

Plötzlich bewegte sich die Türklinke nach unten, die Tür öffnete sich und René Glosch kam mit erhobenen Armen, in der linken Hand meinen Dienstausweis haltend, ins Wohnzimmer, wo er mich sofort umarmte und zu heulen begann. Seine mächtige Anspannung schien in diesem Moment von ihm gewichen zu sein.

Mein Partner ging unverzüglich ins Bad und kam mit einer Pistole des Fabrikates Luger, einer alten Wehrmachtpistole, 9 mm Parabellum, zurück.

Das Magazin der Pistole war bis zum Rand mit passenden Patronen gefüllt.

Glosch wurde nun von uns wegen des Verdachts der Bedrohung zum Nachteil der vier flüchtigen, unbekannten Männer und wegen Vergehens nach dem Waffengesetz vorläufig festgenommen und der Davidwache zugeführt.

Die Peterwagen- Besatzung verblieb solange vor Ort, bis der herbei telefonierte Schloss-Notdienst die Wohnungstür soweit repariert hatte, dass die Tür verschlossen werden konnte.

Während der Vernehmung erzählte Glosch, dass er Streit mit vier Luden wegen einer Frau bekommen hätte. Sie forderten 10.000 DM Abstecke von ihm, die er weder zahlen konnte noch wollte. Sie wollten ihn als erste Mahnung verprügeln.

Glosch weigerte sich jeoch beharrlich, die Namen der Männer zu nennen.

Er wurde über den Erkennungsdienst entlassen, weil keine Haftgründe vorlagen. Die Pistole wurde sichergestellt.

Ein halbes Jahr später wurde Glosch von dem Amtsgericht in Hamburg zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, ausgesetzt für vier Jahre zur Bewährung, wegen Vergehens nach dem Waffengesetz verurteilt.

Glosch war bereits eine Woche nach diesem Vorfall wieder nach Berlin zurück gekehrt und hatte sich nur noch einmal zu seinem Gerichtstermin in Hamburg sehen lassen.

Er kam fortan nie wieder nach St. Pauli.

Die vier unbekannten Männer konnten nie ermittelt werden.

Fazit: Ab und zu ist die „Schmiere“ doch nicht der böse Feind der Zuhälter, sondern in besonderen Fällen reicht man ihr die Hand und bittet um Hilfe.

Über Waldemar Paulsen

Waldemar Paulsen

Er ist im Norden aufgewachsen und hat als Polizist jedes Laster des Hamburger Kiezes kennengelernt. Dem Norden ist er immer noch treu!

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