Der norddeutsche Knigge, Kapitel 18: Werd nich brägenklöterich!

Stell Dir vor, Du wackelst so durch Dein Leben durch un teilst Dir dabei die Jahre Stück für Stück beikleinen ein. Un von wegen der Geselligkeit machst Du dat mit’n annern Menschen zusammen. Un mit’n mal merkst Du „Huch!“

Dieser annere Mensch bindet Dich nämlich auf ganz eine besondere Weise in sein Leben ein. Er hat Dich sozusagen eingestellt. Un dat bei der ganz ehrenamtlichen Firma Gema (Geh ma hierhin – geh ma dahin!) un weil noch Zeit über war, gleich noch mit bei der Firma Mamadi – mamada (Mach ma dit, mach ma dat). Nu sitzt Du drin in ein ganz unseliges System. Dir is von dat viele mamadi un mamada schon ganz ladida… brägenklöterich eben.
Kündigen is schlecht.
Is ja ehrenamtlich. Da gibt da nich mal ’ne Abfindung beim Gehen. Im Gegenteil. Für den Fall, dat Du mal auf’n Amt so’n Stück Papier unterschrieben un dafür ’nen Ring an den Finger gekricht hast, kannst Du echt nur theoretisch kündigen. Dat wird aber sehr teuer. Da kannst lieber noch ’n büschen rennen. Un wenn Du damals sogar noch bräsig in der Kirche gleich vornean gestanden un laut „ja!“ in die Kapelle gebrüllt hast, denn hast Du sounso lebenslänglich. Dafür biste ja mal angetreten. Un nu bist Du bei der Gema un der Mamadi-mamada un dat grummelt in Dir rum.
Du erinnerst Dich. 
Der Paster damals in der Kirche hat wat von gute un von schlechte Zeiten gebrabbelt. Warum hast Du Dööskopp an der Stelle nich nachgefragt? Schreist einfach „Ja“! Hättst doch nach den Konditionen fragen können. Zum Beispiel nach Aufteilung, Gewichtung un Länge von den guten un den schlechten Zeiten. Haste nich gemacht? Nu überwiegen die fragwürdigen Zeiten? Selbst schuld! Dat passiert der Kuh auffer Wiese schon mal nich. Dat is amtlich.
Aber Du sollst ja Mitleid kriegen.
Un Hilfe sowieso. Wir sind hier ja die Guten. Man is ja nich so. Un wir sind auch mitten im Thema. Deine Nebenjobs machen Dich brägenklöterich. Dat is der Zustand, der Dich von’n frühen Morgen an bis nach’n Abend hin schielen lässt – wenn der Unwille auf Deiner Achterseite von’n Steven bis nach den Nackenhaaren hochkrabbelt. Dat is doch kein Lebenszustand nich! Aber da kannste gar nich über nachdenken. Dat bölkt nämlich schon wieder was hinter Dir: „Schatzi, kannst ma…?!!!“ Un Du weißt, dat is keine Frage. Dat is ’n Befehl. Un wenn Du nu nich hüppen tust, is der Tach gelaufen. Dat macht wuschig, tüdelig, gniegelig, bekloppt! Oder kurz: brägenklöterich!
Wat nu? Dein Selbsterhaltungstrieb setzt ein?
Du bölkst laut:“Neeeeiiihhhnnn!“ un „Ich wiiiillll nichchchch!!!“?!?!
Du Blödmann! Nu is der Bock fett! Dat gibt Zeit beim Brägendokter. So geht dat nämlich nich. Schließlich darf in Dein Leben jeder alles tun un lassen was Schatzi sagt.
Also hin nach’n Brägendokter, damit Du wieder inne Spur reinkommst. Der soll auch dat Brägenklötern mit auskurieren. Denn gehst Du wenigsten nich mehr so gegenan! Un dat gibt so viele wichtige Gründe, für den Weg nach’n Brägendokter. Der is nämlich nett. Außerdem hast Du doch Dein Dach über’n Kopp abbezahlt un er seins noch nich. Da macht die pekuniäre Umverteilung doch echt Sinn.
Du bist ’n richtigen Gutmenschen bist Du!
Un dat Wichtigste: Du bist wieder Schatzi für Schatzi! Brägenklöterich hin, brägenklöterich her! Dat Ziel is die goldene Hochzeit un der Weg dahin is an’n Ende ja egal. Du bist ja ’n Kämpfer. Warst Du immer schon. Hat der Paster in der Kirche ja auch gesagt: „Wenn einer auf Deine Backe kloppen tut, halt immer gleich die annere hin.“ Dat is auch gut so. Mit rote Backen sieht der Mensch ja an un für sich schön gesund aus.
Un wenn Du denn bei dat goldene Jubelfest angekommen bist…
…denn biste bestimmt nich mehr brägenklöterich. Aber dat kommt denn nich von dem Brägendokter seine Hilfe. Dat kannst mal glauben. Dat is bloß die Altersmilde oder der Umstand, dat Du einfach gar nix mehr merkst nach diese vielen Jahre Backenkloppen. Dat Brägenklötern is weg. Du bist nur noch weich in der Rübe.
Aber dat macht Dir denn auch nix mehr aus. Du bist stolz. Darauf, dat die Gören groß sind un Dein Haus un dat von’n Brägendokter hast Du fein bezahlt (…nebenbei is für ihn auch noch ’ne Jacht un ’n schicker Schlitten abgefallen – Gratulatschon!…).
Lehn Dich zurück un guck in dieselbige Richtung.
Hast viel geschaft! Wat? Du kommst da grad nich zu? Keine Zeit zum Nachdenken? Auch nich zum Anstoßen auf Dein Jubelfest? Dat bölkt nämlich schon wieder achter Dir? „Schatzi, kannst Du mal Vasen holen? Da kommt ein Rükelbusch nach ’n nächsten an! Un allens wegen unsere gute un lange Ehe. Sei froh, dat Du mich hast! Dat haben wir nu davon! So feine Blumen! Wo sind die Vasen??? Geh ma schnellll!!!“
Tja. Denn stell Dein Glas man ab. Oder gib mir dat man so lange. Ich pass da auf auf. Oder auch nich. Hab‘ mit einmal so’n ganz fürchterlichen Durst.
Prost!

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

Eine Meinung über “Der norddeutsche Knigge, Kapitel 18: Werd nich brägenklöterich!

  1. So’ne gifft dat woll; aver dat kümmt ja jümmer an op EHR un op EM.
    Bi mi weer dat so nich. Ik weer de Käpt’n un harr nich to lieden.
    (Liekers, kennst den Snack: „ICH kenne nur glückliche Witwen.“)
    – Sowat gifft dat ok!

    Weet C.G.

    Carl Groth | | Antworten

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