Rudi mit der Eisentür

Wir schreiben September 1978. Um 14:00 Uhr betreten mein Partner „der Schnelle“ und ich die Davidwache, um bis etwa Mitternacht tätig zu werden.

Im Eingangskorb befindet sich ein druckfrischer Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Hamburg, ausgestellt auf den uns bekannten Zuhälter Dieter Pein.
Der 28 jährige Pein ist Rolls Royce-Fahrer und hat drei Prostituierte laufen, die ihm die Portokasse füllen.
Eine abtrünnige Frontdiseuse zeigte ihn wegen Zuhälterei, Förderung der Prostitution, Erpressung, etc an. Untersuchungshaft bis zur Hauptverhandlung war angeordnet wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr.
Dieser Fall hat heute bis Dienstschluss Priorität eins bei uns, hatten wir einstimmig beschlossen.
Mit dem „roten Zettel“ im Gepäck verließen wir die Dienststelle, auf der Suche nach unserem Mann. Im Milieu ist mit „roter Zettel“ ein Haftbefehl gemeint, weil dieser auf einem roten Blatt Papier ausgestellt wird.
In einer Seitenstraße des Hans- Albers- Platzes parkt der grüne Rolls Royce vor einem Mehrfamilien- Neubau.
Ich kombiniere, dass unser Mann dann nicht weit sein kann. Er liebt sein Auto mehr als alles andere. Mit Sicherheit ist er nicht weiter als 50 Meter von dem Auto zu finden. Wahrscheinlich hat er sogar Sichtkontakt dorthin.
Unsere Ermittlungen hatten schon zuvor ergeben, dass er in dem Haus im obersten Geschoß über den vier offiziellen Wohnetagen in der Hausmeisterwohnung wohnen würde.
Vor der Wohnungstür angekommen, mussten wir leider zur Kenntnis nehmen, dass diese aus einer eisernen Feuerschutztür bestand. Nicht so einfach, die zu überwinden.
Auf Klopfen wurde nicht reagiert.
Mit Blick an die Decke sah ich plötzlich eine Kamera über dem Türbereich. Wahrscheinlich hatte er uns bereits drinnen auf einem Monitor gesehen, sofern er anwesend war.
Ich drehte die Kamera in Richtung Decke, sodass er nur noch weißgetünchte Wand sehen konnte.
Unsere Gedanken kreisten.
„Der Schnelle“ verblieb eisern vor der Tür.
Ich verließ das Haus und orderte über Funk einen Zug Feuerwehr und zwei Peterwagen zum Sperren der Straße an beiden Enden.
Nachdem die Feuerwehr vor Ort war, fragte mich der Einsatzleiter nach meinem Begehren. Ich bat ihn, die Drehleiter bis auf Höhe der fünften Etage an das zweiflügelige Gaubenfenster auszufahren und dann einmal in das Wohnzimmerfenster zu sehen, ob sich dort Personen aufhalten würden.
„Ne, ne, Herr Paulsen, dass machen Sie man selbst. Das ist Kriminalitätsbekämpfung und hat nichts mit unserer Aufgabe, Menschen in Notlagen zu helfen oder zu retten, zu tun.“
Puh. Kalt erwischt. Der meinte es ernst.
Ich kletterte nun mit mulmigem Gefühl Sprosse um Sprosse nach oben und als ich ins Fenster sehen konnte, entdeckte ich den zu Verhaftenden, wie er hektisch im Zimmer umherlief.
Weiterhin hielt sich eine seiner Prostituierten im Raum auf. Neben ihr stand die uns bekannte große, schwarzweiß gefleckte Dogge.
Ich klopfte gegen die Scheibe und schrie: “Pein, mach auf, Sie sind verhaftet!“
Er verschwand aus meinem Sichtfeld in ein anderes Zimmer, während die Dogge laut bellte. Die Prostituierte stand stocksteif wie angewurzelt neben dem Tier.
„Treten Sie doch einige Sprossen zurück, schrie der Einsatzleiter der Feuerwehr von unten, dann schieb ich Ihnen die Leiter ins Wohnzimmer und Sie können rein!“
Ich nickte nach unten, ging vier Sprossen nach unten und hörte plötzlich lautes Geschrei.
Wieder ging ich nach oben, sah, dass die Wohnungstür geöffnet war und mein Partner Pein neben sich stehen hatte. Pein hatte seine Arme auf dem Rücken.
Ich verständigte mich mit meinem Partner und suchte wieder festen Boden auf.
Nun flitzte ich im Treppenhaus meinem Partner entgegen, der mit Pein auf mich zukam. Pein natürlich die Hände mit Handfesseln auf dem Rücken gefesselt.
Er bat, mit einem Peterwagen zur Davidwache gefahren zu werden. Wir lehnten seinen Wunsch ab, gingen mit ihm zu Fuß über den Hans-Albers-Platz in Richtung Davidwache. Natürlich zufällig an allen EPI-Zentren der Luden vorbei, damit diese ihn unter Gelächter oder Schmunzeln noch einmal sehen konnten.
„Rotfuchs, morgen bin ich eh wieder draußen“, sagte Pein auf dem Weg zu mir. Ich sagte: „Wetten, dass nicht?“
„Wir wetten um eine Flasche Chivas Regal“, meinte er selbstbewusst.
„Ok, ich mach mit“, sagte ich.
Er verschwand dann für fünf Jahre im Bau, auf die Flasche warte ich heute noch.

 

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Über Waldemar Paulsen

Waldemar Paulsen

Er ist im Norden aufgewachsen und hat als Polizist jedes Laster des Hamburger Kiezes kennengelernt. Dem Norden ist er immer noch treu!

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  1. waldemar-paulsen.de: Rudi mit der Eisentür | Waldemar Paulsen – Meine Davidwache

2 Meinungen über “Rudi mit der Eisentür

  1. Von solchen Ereignissen berichtet der Polizist W. Paulsen in seinem neuen Roman, der sieben Tage Kiez beschreibt, in laufender Folge und höchst interessant -; nicht heute, sondern in den Siebziger Jahren spielend, als die Polizisten noch respektiert wurden. – Hoffe nur, das Buch erscheint bald!
    Das meint Carl Groth, der seine Texte kennt.

    Carl Groth | | Antworten

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