Aus dem Vorlesungssaal in die Selbständigkeit!

„Schlag Dir mal die Grabben aus dem Kopf! Das sind doch brotlose Künste! Mach ‚was Ordentliches! Das bringt doch nichts! Such Dir ’ne schöne feste Anstellung!“ Typische Sätze, die so manchem noch Jahrzehnte nach Studienabschluss in den Ohren klingen. Meist kamen und kommen sie aus dem familiären Umfeld. Und eigene neue Ideen ohne Rückhalt ausleben? Das kann ganz schön schwierig sein. Die Technische Universität Hamburg-Harburg hat für ihre Absolventen, Studenten und wissenschaftlichen Kräften eine Anlaufstelle eingerichtet. Dort hört man sich alle Ideen an, die im Verlauf des Studiums aufgekeimt sind. Man prüft. Sind sie gut, gibt es Hilfe bei der Umsetzung. So können es die besten beruflichen „Grabben“ des Lebens werden. Und die gehören schließlich gehört und gefördert.

Das Startup Dock ist neu. Seit Oktober 2013 steht es Studenten, Absolventen und Mitarbeitern zur Verfügung. Gefördert wird dieses Projekt der TUHH mit Bundesmitteln. Ziel ist es, die Gründerkultur an wissenschaftlichen Einrichtungen zu steigern. Besonders im Fokus stehen technische Hochschulen.
Zusammen mit Tim Jaudszims leitet Sebastian Tempel das Startup Dock mit einem Team von weiteren neun Mitarbeitern. Gemeinsam wollen sie Studierende und wissenschaftliches Personal dafür begeistern, mehr aus ihren Forschungsergebnissen zu machen. Viele von ihnen landen nach der Erarbeitungsphase in der Schublade. Da gehören sie oftmals nicht hin. Also werden sie überprüft. Welches unternehmerische Potential ergeben sich aus diesen Technologien oder wissenschaftlichen Ergebnissen? Die Schubladen sollen aufgehen. Unternehmerisches Denken soll auf besondere Weise angeregt werden. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Kriterium.

Innovativ, nachhaltig, plausibel  – so sind richtungsweisende Ideen für die Zukunft!
Es wird gern gesehen, wenn aus studentischer Perspektive soziale, nachhaltige Projekte entstehen, die zudem wirtschaftlich sind. Die können dann auch mit einem Preis gekrönt werden. Im vorigen Jahr ging der mit 15.000 Euro dotierte Gründerpreis an Saskia Oldenburg, die eine besondere Aufbereitungsanlage entwickelt hatte. Damit kann Pferdemist so aufbereitet werden, dass er in Biogasanlagen Verwendung findet.
Solche Ideen gefallen nicht nur der Unileitung. Auch bei den Studenten steht soziales Unternehmertum hoch im Kurs. Das Startup Dock ist offen für gut durchdachte Anregungen. Und dort sprudelt es tüchtig. Über Inhalte wird noch nicht gesprochen. Da verhält es sich wie mit den ungelegten Eiern. Lieber wird tatkräftig unterstützt. Erst wenn Projekte laufen, werden sie auch vorgestellt. Die entstandene Firma Brightup ist ein Beispiel. Drei ehemalige Studenten der TUHH entwickeln ein intelligentes Beleuchtungssystem für ein angenehmeres Zuhause. Nach ihrem Studium haben sie das Northern Institute of Technology Management (NIT) besucht. Dort laufen Ingenieurs- und Managementausbildung zusammen. Eine gute Grundlage für einen erfolgreichen Start in die Selbständigkeit.

Beratung vor Ort beim Startup „Brightup“ (Sebastian Rösch) durch Sebastian Tempel (rechts)

Bis zu 40 Projekte kann das Startup Dock jährlich unterstützen. Der Fokus liegt auf Hightech, aber auch aus anderen Bereichen kann sich jeder aus dem Umfeld der TU an diese Einrichtung wenden. Gesiebt wird nicht im Startup Dock. Letztendlich siegt die gute alltags- und anwendungstaugliche Idee. Sie muss verwertbar sein. Genügend Kunden müssen damit etwas anfangen können. Wenn das der Fall ist, entwickelt das gesamte Team ein Geschäftsmodell um das Forschungsergebnis herum. Und es wird weiter begleitet – bis zum fertigen Startup und die dafür notwendige Finanzierung. Die komplette Wertschöpfungskette wird abgebildet. Sogar die nötige Infrastruktur, wie Büros und Arbeitsplätze, wird zur Verfügung gestellt. Außerdem erhalten Neugründer Hilfe wenn es gilt, ein sinnvolles Netzwerk um sich aufzubauen. Das ist dringend nötig. Denn finanziell unterstützen kann das Startup Dock nicht. Dafür sind keine Mittel vorhanden. Umso wichtiger ist es, Förderer für die einzelnen Projekte zu finden.
Der Weg zum laufenden Laden ist lang…
Egal, welches Geschäftsmodell verfolgt wird und egal, wie gut die Ursprungsidee war und ist: der Weg zum finanziellen Erfolg ist weit und oftmals ganz schön gewunden und uneben. Nach wie vor ist eines am wichtigsten: das Anfangen! Ideen wollen umgesetzt und gelebt werden. Sie wollen keine Träume bleiben. Sie wollen immer weiter entwickelt werden. Mit der Zeit kristallisiert sich heraus, was letztendlich zum Erfolg führt.
Und wenn doch nicht?
Wenn man scheitert? Vielleicht nicht nur einmal, zweimal oder öfters? Dann wird aufgerichtet. Aufstehen, schütteln, weitermachen. Die gemachten Erfahrungen können für das nächste Konzept sehr wichtig und entscheidend sein. Sebastian Tempel gibt keine allgemeinen Ratschläge weiter. Es sind vielmehr die Ergebnisse seiner ureigenen Erlebnisse. Auch er ist Gründer und auch bei ihm hat nicht alles auf Anhieb geklappt. Er ist begeistert von den Möglichkeiten, die dieses Startup Dock bietet und er lebt diese Begeisterung. Das steckt an. Im Grunde ist es ja auch ganz einfach und realitätsnah: Man muss im Leben immer einmal öfter aufstehen als man hingefallen ist. Gut, dass da ein ganzes Team bei Bedarf stützt…

Projektmanagerinnen bei der Arbeit. Cornelia Reimann und Eva Morgenroth.

Wo Gründungen gern gesehen werden, muss ein entsprechendes Umfeld und Klima vorhanden sein. Hilfreich sind da verschiedene Veranstaltungen, die gar nicht in erster Linie mit Wissensvermittlung zu tun haben. Gründermentalität soll dort gesät werden. Leute sollen zusammengebracht werden, die voneinander profitieren könnten. Gern darf das hochschulübergreifend sein. Und wie treibt man das Zusammenbringen und Vernetzen am besten voran? Klar, mit organisierten Zusammenkünften. Davon gibt es verschiedene. Sogar eine Party kann helfen. Wenn Leute wie Ingenieure auf Marketingexperten und Designer treffen, kann viel Gutes entstehen. Kompetenzen sollen sich ergänzen.

Ein guter Außenkontakt ist unerlässlich
Vorbilder werden eingeladen. Sie erzählen von ihren eigenen Gründungsaktivitäten und plaudern aus dem Nähkästchen. Natürlich wird nie ausgespart, was nicht geklappt hat. Auch die Seite gehört erfahrungsstiftend dazu. Gäste sind zum Beispiel die Hamburger Tobias Hagenau mit seiner Geschäfts-Software zum Durchstarten oder Benjamin Adrion mit seinem Projekt „Viva con Agua“, mit dessen Hilfe Menschen in Entwicklungsländern zu sauberem Trinkwasser und verschiedenen hygienischen Einrichtungen kommen. Auch der Conergy-Gründer Hans-Martin Rüter war bereits Gast.
Kontaktpflege ist bei einer Einrichtung wie das Startup Dock unerlässlich. Da müssen viele Kräfte an einem Strang ziehen. Über den Verein Alumni werden unter anderem Studierende und Absolventen der TUHH mit Vertretern aus Wirtschaft und Industrie zusammengebracht. Dort können Ehemalige sich mit noch nicht Ehemaligen austauschen und voneinander profitieren. So manch ein Praktikumsplatz und so manch eine Stelle ist so schon gefunden und besetzt worden. Engagement dieser Art ist für das Startup Dock von unschätzbarem Wert.
Jeder im Startup Dock-Team hat unternehmerische Erfahrung, ist selbständig oder zumindest sehr gründungsaffin. Fundiertes wissenschaftliches Wissen und praktische Anwendung sind eng verknüpft.
So geht die Hochschulleitung neue Wege.
Die Idee für das Startup-Dock wurde pragmatisch und so zügig wie möglich umgesetzt. Hanseatische Haltung macht sich bemerkbar: der Begeisterung folgt die Umsetzung. Man bleibt verbindlich und sorgt für Rückendeckung. Das funktioniert institutionsübergreifend.
Dafür ist Sebastian Tempel dankbar. Wenn er Wünsche frei hätte, wäre ihm klar, was er sich wünschen würde: Ziele erreichen. Das steht an erster Stelle. Er wünscht sich eine gute Gründerkultur über die Grenzen der TUHH hinaus. Es wäre wünschenswert, dass die Deutschen ein bisschen weniger „verkopft“ vorgehen und lieber etwas pragmatischer handeln. Denken „in Problemen“ hemmt. Lösungsorientiertes Denken bringt weiter. Da möchte das Startup Dock gern einen Impuls setzen. Das ist das große Ziel.

Viele Komponenten kommen zusammen, die das Startup Dock so wertvoll machen. Allen ist gemein: sie kommen aus der Praxis und sind für die Praxis. Das ist mit Sicherheit ein gutes Rezept für viele größtmögliche Erfolge. Der gute Nährboden ist vorhanden. Hier kann viel Gutes gedeihen. Nur eines nicht: Flausen in Köpfen.

Mehr Informationen unter:

https://www.tuhh.de/startupdock/home.html

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

Eine Meinung über “Aus dem Vorlesungssaal in die Selbständigkeit!

  1. Da hat Ch.N. mal etwas nicht Unwichtiges entdeckt und beschrieben. Vor 60 Jahren (zu meiner Studienzeit), in der deutschen Wiederaufbauphase, waren solche Ideen nicht so vordringlich -, aber heute sehr wohl!
    Carl Groth aus dem Augustinum

    Carl Groth | | Antworten

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