Diebstahl oder Lehrgeld?

An einem sonnigen Nachmittag im Jahre 1978 befinde ich mich mit meinem Partner, der im Milieu mit dem Idiom „der Schnelle“ bekannt wurde, weil er ein exzellenter 400 m Sprinter war, im Transvestiten- Viertel in der Schmuckstraße.

Wir wollen als Zivilfahnder noch gesuchte Kriminelle von der Straße „fischen“ bevor es dunkel wird und wir uns dem Prostitutions- und Zuhältermilieu zuwenden.

Unser Augenmerk fällt auf einen etwa dreißig jährigen Mann in unauffälliger Straßenkleidung, der sich sichtbar nervös fortwährend nach vorbeigehenden Passanten umsieht.

Ich erkenne sofort, dass dieser Mann nicht ins St. Pauli – Milieu passt.

So entschließen wir uns, diesen „Verirrten“ zu überprüfen.

Nachdem ich ihm meine Kripo- Dienstmarke vor Augen halte und er meiner Aufforderung nachkommt, mir seinen Personalausweis zu zeigen, erfüllt er meinen Wunsch.

Wie stets, bleibt mein Partner nah an der Person, während ich mich etwas abseits stelle und über Funk die Datenstation der Davidwache kontaktiere, um die Personendaten zu checken.

Volltreffer!

Der Mann ist ein entwichener Strafgefangener aus Bayern. Er hat noch eine Reststrafe von 860 Tagen Freiheitsstrafe wegen schweren Raubes zu verbüßen.

Mit dieser Kenntnis begebe ich mich zu den beiden Männern, die sich scheinbar sehr amüsant unterhalten und unterbreche deren Gespräch.

Die überprüfte Person wird formell von mir über die Verhaftung informiert.

Ich nehme vom Gürtel meiner Hose die Handfesseln, reiche sie meinem Partner, der den Verhafteten auffordert, seine Arme nach vorn zu strecken.

Dieser folgt der Aufforderung, „der Schnelle“ legt ihm die Hamburger Acht an und ich atme erst einmal durch mit dem Bemerken, dass wir jetzt die Davidwache aufsuchen werden.

Scheinbar willig folgt uns der Mann Richtung Talstraße, rechts neben ihm geht der Schnelle, links von dem Räuber halte ich mich auf.

Während eines belanglosen Gespräches rennt der Verhaftete plötzlich in einem Affenzahn mit beiden Händen in Vorhalte in die Talstraße, dann sehe ich ihn noch nach links auf die Reeperbahn flitzen, als hätte er einen Turbolader im Hintern.

Ich gebe nach etwa hundert Metern auf. Die Zigaretten schaffen den „Rotfuchs“ einfach.

„Der Schnelle“ hat endlich wieder mal ein Erfolgserlebnis. Wie zu seinen besten Glanzzeiten rennt er mit der Motorik eines 400 m Leichtathleten hinter dem flüchtigen Strafgefangenen hinterher.

Ich gebe auf, geh zum Schritt- Tempo über, sehe die beiden nicht mehr und plötzlich beflügelt mich ein Gedanke:

Mein Gott, der Typ hat mir das zu dienstlichen Zwecken überlassene Behördeneigentum, die Handfesseln, gestohlen. Wie soll ich das erklären?

Ich muss doch eine schriftliche Meldung fertigen, damit ich Ersatz bekomme. Gibt es einen Verweis in der Personalakte, weil der Dienstherr behauptet, ich wäre fahrlässig mit den Steuergeldern umgegangen?

Scheiße, sollte ich im Notfall lügen und behaupten, ich hätte die Handfessel verloren?

Nachdem ich auf dem Gehweg der gegenüberliegenden Seite der Davidwache ankomme und noch beim Sinnieren bin, sehe ich „den Schnellen“ mit meinem Räuber den Gehweg der Reeperbahn in Höhe des Cafe KEESE in meine Richtung kommen. Er hielt ihn im Genick am Kragen seiner Jacke gepackt. Dem Ganoven hing die Zunge aus dem Hals, er atmete immer noch schwer, als beide vor mir standen. Der Schnelle grinste. Er hatte sich gerade einmal eingelaufen.

„In Höhe der U- Bahn- Station St. Pauli am Millerntor hatte ich ihn am Genick gepackt“, erzählte mir „der Schnelle“ grinsend.

Wir führten ihn ins Hotel Davidwache.

Nein, Diebstahl wäre es nicht gewesen, erfuhr ich hinterher. Dazu fehlte ja die subjektive Zueignungsabsicht der Handfesseln. Er wollte sich lediglich durch Flucht der Verhaftung entziehen.

Lehrgeld war es trotzdem, weil wir seit diesem Vorfall nie wieder Personen festnahmen oder verhafteten, indem wir denen die Hamburger Acht vor dem Körper anlegten.

Nur noch die Arme nach hinten und dann hatte es „klick“ zu machen.

In diesem Zustand kann keine Person so schnell laufen, wie es unser Räuber getan hatte.

Nun konnte selbst ich solch flüchtige Personen noch ergreifen.

Den Tipp gaben wir an die jungen Kollegen weiter.

So lernt man eben nie aus.

Über Waldemar Paulsen

Waldemar Paulsen

Er ist im Norden aufgewachsen und hat als Polizist jedes Laster des Hamburger Kiezes kennengelernt. Dem Norden ist er immer noch treu!

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  1. waldemar-paulsen.de: War es Diebstahl oder einfach nur Lehrgeld??? | Waldemar Paulsen – Meine Davidwache

2 Meinungen über “Diebstahl oder Lehrgeld?

  1. das ist ja voll nett

    portacoeli | | Antworten

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