Der norddeutsche Knigge, Kapitel 17: Ruf nie nich Udel!

Dieser Jungbulle strahlt es förmlich aus. Er mag nicht, wenn Zweibeiner ohne Pansen, Fell und in Partnerlook gerufen werden wie er: der Bulle! Dat is unhöflich und beleidigend für beide Seiten. Also Schluss damit!

Der Jungbulle meint, dat man diese besagten Zweibeiner doch gern „Udel“ rufen könnte. Er weiß nämlich: in früheren Zeiten sind die mal durch Hamburg getüffelt und haben Jagd auf Leute gemacht, die vorzugsweise Ede hießen.
Wat unser Jungbulle nicht weiß: seitdem die Ganoven nicht mehr Ede heißen, heißen die Polizisten auch nicht mehr Udel.
Dat Wort is sowieso mal wieder so ’ne Eigenkration von den Plattdeutschen.
Dat heißt, die haben dat einfach von „Uhl“, also „Eule“ abgeleitet. Die Nachteulen waren die Nachtwächter, die von den Polizisten zum Aufpassen und die Jagd auf dat Böse an sich abgelöst wurden.
Wie gesagt, dat weiß der junge Bulle auf der Weide ja nich. Wat er aber genau weiß: ER ist der BULLE, der KING op de KOPPEL! Und so will er – und auch nur er – gerufen werden un nicht anners! Sonst wird er fünsch!
Kannst ja zum Spaß ‚mal ausprobieren.
Stell Dich einfach an den Rand vonner Wiese, mach den Hampelmann in Richtung Bullen und brüll immer „Ej, Du Udel!“ Zieh vorher ’ne rote Jacke an, dann sieht er Dich auch richtig. Dat soll er ja. Is ja ’n Versuch. Du wirst merken: hat er ’n guten Tach, denn kommt er und rennt Dich bloß über’n Haufen. Hat er ’n nich so guten Tach, denn nimmt er Dich auf seinen Hörnern ’n Stück mit. Könnt ja sein, dat is sogar noch ’n Vorteil für Dich, weil Du sowieso in die Richtung wolltest. Könnt aber auch sein, dat tut weh… man weiß dat vorher nie so genau.
Den Gegenversuch mach auf der Strasse.
Ruf da mal laut „Ej, Du Bulle“ und hampel dabei mit irgendwas rum. Dat könnt sein, dat denn auch Hörner auf Dich zukommen: Martinshörner. Un dabei könnt dat sein, dat die Leute um diese Hörner rum noch nich mal Martin heißen. Wenn die sich nich auf hamburgische Traditionen verstehen, dann sollte man dat auch nich mit „Ej, Du Udel“ versuchen. Dat könnt ins falsche Halsloch kommen.

Also noch ‚mal in kurz zum auswendig lernen, damit keine Missverständnisse aufkommen:

Ruf Udel auf die Wiese, denn kommt der Bulle wie von alleine. Der muss sich denn dafür nicht ‚mal gediegenes Gras reingezogen haben.

Ruf Bulle auf der Strasse, denn kommt einer in Uniform hinter Dir her. Der muss sich dafür auch gar kein gediegenes Gras reingezogen haben.

Die Kühe geben deswegen einen klugen Rat.
Wenn Du den Zweibeinern in Partnerlook und ohne Fell und Pansen in die Arme laufen solltest, denn gibt dat einen einfachen Trick, wenn Du sie ansprechen willst. Damit die für alle zu unterscheiden sind, haben die auf der Brust so’n Schild. Da steht ein Name drauf. Den lees mal un sach den laut. Am besten mit „Herr“ oder „Frau“ davor. Sollst mal sehen, wie dat Hörnergesang un anneres Ungemach total von Dir weg hält! Es sei denn, DU hast DIR gediegenes Gras reingezogen…

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

2 Meinungen über “Der norddeutsche Knigge, Kapitel 17: Ruf nie nich Udel!

  1. Ein nettes Wortspiel: Udel hier und Bulle da.
    Tiere geben oft Anlass zu fabelartigen, satirischen Gedanken, weiß aus eigener Erfahrung:
    Carl Groth, Hamburg

    Carl Groth | | Antworten
  2. Eine sehr amüsante Wahrnehmung. Habe beim Lesen köstlich gelacht. Frau Nölting schreibt einfach „zum Anfassen“, wie aus dem Leben.

    Waldemar Paulsen | | Antworten

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