Er ist nicht niedlich!

Das Buch „Meine Davidwache“ von Waldemar Paulsen wurde bereits auf VdN vorgestellt. Die Erinnerungen aus seiner Zeit als Polizist in den 70er und 80er Jahren auf der bekannten Polizeistation des Hamburger Kiezes fesseln viele Leser. Darum veröffentlichen wir auf VdN weitere Episoden, die er bisher noch nicht veröffentlicht sind. Hier ist eine von einem Typen, der gar nicht niedlich ist. Oder doch?

Herbst 1978
Um 21:30 Uhr ist der Haftrichter des Amtsgerichtes Hamburg schon einen Moment vor mir in die Davidwache gekommen.
Es war von der Pressestelle der Polizei die Erlaubnis erteilt, dass er uns während der Nacht bei unserer Arbeit über die Schulter schauen durfte. Es war eine Art Milieu-Studie für den Juristen.

Nachdem mein Partner anwesend ist, gehen wir unverzüglich zu dritt in eine der Nebenstraßen der Reeperbahn Höhe Nobistor, um dort den seit einem Monat per Haftbefehl ausgeschriebenen Gelegenheitsarbeiter Baumann an seinem Wohnsitz zu verhaften.

Baumann hatte über einen langen Zeitraum immer wieder flüchtige, minderjährige, weibliche Fürsorgezöglinge, die sich im St. Pauli- Milieu verborgen hielten, bei sich in der Wohnung aufgenommen. Sie landeten stets in seinem Bett.

Er wohnte in der zweiten Etage eines alten Mehrfamilien- Wohnhauses aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Im Treppenhausflur klopfte ich mehrmals gegen das Türblatt seiner Wohnungstür und forderte ihn auf, die Tür zu öffnen. Er musste mich an der Stimme erkannt haben, hatten wir doch über Jahre immer wieder einmal persönlichen Kontakt.

Es war kein Laut aus der Wohnung zu hören – jedoch – jedes Mal, wenn ich erneut lautstark klopfte, entstand von innen ein leichter Druck von der alten Holztür gegen die Türzarge.

Dieser Unhold stand hinter der Tür mit dem Ohr auf die Tür gehalten, um zu lauschen.

Das war einstimmig unsere Schlussfolgerung.

So schnell wollten wir nicht aufgeben – schon gar nicht in Anwesenheit eines Haftrichters.

In Abstimmung verblieb der „Schnelle“ vor der Wohnungstür im Treppenhaus. Der Haftrichter und ich verließen das Gebäude.

Es war bereits dunkel, als die von mir über Funk angeforderte Feuerwehr anrückte.

Zufällig war es wieder derselbe Einsatzleiter wie Wochen zuvor, als wir Pein auf die gleiche Weise verhaftet hatten. Er grinste und sagte:“Na, Herr Paulsen, wohin denn diesmal?“

Ich zeigte auf ein Wohnzimmerfenster im zweiten Stock und auf seinen Befehl hin fuhr der Leiterwagen die Leiter bis an den Fenstersims.

Viel Spaß, Herr Paulsen, schmunzelte er.

Schon fast wie ein Feuerwehr-Profi tappte ich die Leitersprossen hoch bis an das Ziel.

Im Wohnzimmer war es fast stockdunkel, lediglich schemenhaft konnte ich das Mobiliar im Lichtschein einer Straßenlaterne erkennen.

Es rührte sich nichts.

Ich zerschlug mit meiner Pistole ein etwa 30 x 30 cm großes Sprossenfenster und entriegelte den Fensterflügel.

Nun kniete ich im Dunkeln auf dem Fensterbrett.

Immer noch alles still.

Ich sah nach unten, um vom Fensterbrett in den Raum zu springen, als mich plötzlich jemand mit dunklen Kulleraugen ansah. Baumann hatte hellblaue Augen, erinnerte ich mich.

Plötzlich sah ich ein freundliches Schwanzwedeln.

Oh, es war ein schwarzer Königspudel, der mich so freundlich begrüßte.

Mit der Pistole in der Hand knipste ich den Lichtschalter der Deckenbeleuchtung an.

In allen Räumen waren keine Personen anwesend.

Ich legte Baumann meine Visitenkarte auf den Küchentisch mit der Notiz, dass wir ihn in den nächsten Tagen greifen würden.

Er sollte ja nicht denken, dass Einbrecher in der Wohnung waren, um dann evtl. bei einer Hausratversicherung einen immensen Beuteschaden melden zu können.

Ich streichelte den niedlichen Hund noch einmal und verließ auf demselben Weg, auf dem ich gekommen war, die Wohnung.

Es war wohl so, dass jedes Mal, wenn ich gegen die Wohnungstür klopfte, Hundi an der Tür hochsprang und mit seinen gepolsterten Vorderpfoten den leichten Druck auslöste, den das Türblatt gegen die alte Türzarge verursachte. Der Hund hatte keinen Mucks von sich gegeben.

Oh – vergrüßt – der Haftrichter schmunzelte.

In der Nacht sahen wir Baumann nicht mehr.

Eine Woche später kamen mein Partner und ich müde gegen 05:30 Uhr aus der Großen Freiheit, als wir plötzlich Baumann vor dem Niebuhr-Hochhaus am Nobistor, gegenüber der Großen Freiheit sahen.

Ich schrie über die Reeperbahn: “ Baumann, komm her!“

Er sah uns und gab Fersengeld Richtung Millerntor.

Ich wundere mich immer wieder, welch ungeahnte Spurtstärken man in solchen Momenten entwickeln kann.

Aber, ha, ha, ich hatte ja meinen Partner „den Schnellen“ dabei.

Mein Partner flitzte quer über die Reeperbahn, sprintete etwa 200 Meter hinter ihm her, bis er ihn hatte.

Geschafft. Baumann bekam kurzfristiges Logis in der Davidwache, bevor er ins Untersuchungsgefängnis verbracht wurde.

Über Waldemar Paulsen

Waldemar Paulsen

Er ist im Norden aufgewachsen und hat als Polizist jedes Laster des Hamburger Kiezes kennengelernt. Dem Norden ist er immer noch treu!

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