Nordische Nostalgie – Die Butterfahrt

Nordische Nostalgie. Was ist das überhaupt? Wikinger mit Äxten auf großer Überfahrt und Met-Brand in der Rübe oder längst vergessene Dichter, die schon lange nicht mehr stinken? So weit zurück musst du gar nicht denken. Mir fällt spontan eine feste Institution ein, die gar nicht so weit weg ist vom ersten Beispiel.

Ich war noch klein. Um nicht zu sagen ganz klein. Aber laufen konnte ich schon allein. Am Ende meistens besser als die ausgewachsenen Exemplare an Bord. Geplant wurde immer unterm großen Kronleuchter an der Kaffeetafel bei Oma und Opa. Irgendwann bei Kaffee und Omas Sandtorte, die von mal zu mal trockener wurde, hieß es dann meistens von Opa; „Wi mööt mol wedder op’t Schipp. Ne anständige Botterfohrt. All tohoop.“.

In dem Moment machte sich Leuchten in den Augen der Erwachsenen breit. Gleichermaßen kam ein Raunen aus der Ecke der Kinder. Butterfahrt heißt als Heranwachsender: Ein kompletter Tag Langeweile, harte Holzbänke und gediegenes Verhalten der anderen Anwesenden.

Meist schon in der nächsten Woche stand die Familie dann mit Kind und Kegel am Kai und wartete auf den Butterdampfer. Der lief pünktlich ein. Vollbeladen mit Fusel, Zigaretten und was sonst noch nebenbei unbedingt benötigt wurde. Das Publikum gemischt. Aber bei der Abfahrt noch gut beisammen. Das soll sich nach kurzer Zeit aber auf hoher See ändern. Denn was die gesetzliche Höchstmenge übersteigt, die jeder mitnehmen darf, muss selbstverständlich noch an Bord vernichtet werden. Und zwar ohne Rücksicht auf Geist und Körper.

Wenig später legt der Fuseldampfer also ab und jetzt heißt es erstmal ne Grundlage zu schaffen. Heute wäre wohl irgendeine Fast-Food-Kette oder so fürs leibliche Wohl zuständig. Mit Plastik-Fraß aus der Pappschachtel. In den 80ern dagegen kannte man noch ein paar lauwarme Wiener mit Senf mit’m Schlag fettigen Kartoffelsalat. Alles gut durchdacht, da ideale Grundlage zur eigentlichen Nahrungsaufnahme. Die besteht dann aus Schnaps, Bier und Aquavit.

Noch ist alles ruhig. Erstmal kommen die Doppelkopf-Karten auf den Tisch. Daneben der Pott mit dem Kleingeld und fein säuberlich die Lesebrille von Oma. Und die verzieht auf einmal keine Miene mehr. Sonst wird am Ende noch aus Unachtsamkeit Haus und Hof verspielt. Abgemeldet sitzt Du als Familienjüngster dann auf einer der harten Holzbänke und wartest drauf, dass diese Fahrt voller Rituale endlich dem Ende entgegen geht. Denn die Bänke wurden von Fahrt zu Fahrt härter. Und der miefige Geruch unter lauter Rentnern entwickelte sich auch nicht gerade zum Vorteil.

„Aber es war früher nicht alles schlecht!“ So heißt es ja immer. Und das stimmt! Irgendwann war es soweit und der Kutter schleppte sich mit scheinbar letzter Kraft in die zollfreie Zone. Endlich kam Bewegung in die Massen. Und die Schokoladenbonbons mit Pfefferminz-Füllung waren zum Greifen nah. Jetzt entwickelte sich die Schlange vor dem Laden als ungeduldiges und raffgieriges Biest, in der jeder darauf wartete, die Konkurrenz unschädlich zu machen um mit der Beute von Bord zu verschwinden.

Wie wahnsinnig drückten sich Passagiere durch die viel zu engen Reihen, als gäb’s kein Morgen. Auf der Jagd nach Zigaretten Schnaps und Schnäppchen, die es wohl nur hier gibt. Und das aus gutem Grund. Die meisten wurden zu Hause nämlich schnell zum Staubfänger umfunktioniert und landeten dann auf irgendeinem Dachboden. Ich glaube fest daran, dass allein mit den Unsummen an hässlich karierten Wolldecken, die über die Theke wanderten, der ganze Nordpol hätte gepflastert werden können, damit niemand mehr hätte frieren müssen.

Gut eingedeckt mit zollfreier Ware gab es dann guten Grund sich erst einmal mit dem Erbeuteten auseinander zu setzen. Jetzt wurde es mit jeder Seemeile lauter auf dem Kutter und heute weiß ich auch warum. Irgendein Thema gab es nach der neunten Runde Aquavit immer, bei dem sich irgendwann unser gemütlicher Onkel Carl die Brille mit dem ausgestreckten Mittelfinger auf die Nasenspitze schob und dabei barsch den Satz heraus blies „Darf ich euch mal Folgendes sagen…“. Ein Moment, auf den alle warteten und der bis heute hängen geblieben ist. Am besten imitieren konnte ihn meine große Schwester. Die Geste und genau diesen Satz hätte man ihm eigentlich auf den Grabstein schreiben sollen.

Je nach Gemütslage der Gäste eskalierte jetzt langsam die Situation. Die Schlange vor’m Klo wurde immer länger und der ein oder andere Leichtmatrose ging vorsichtshalber schonmal in die Nähe der Reling. Irgendeinem aus der Runde war immer schlecht. Nur Oma nicht. Selbst nicht, als mein Vater und mein Onkel sie regelrecht vom Schiff tragen mussten. Der Alkohol war nicht stärker als eine echte „Holsteiner Leber“.

Ein Moment der Erleichterung. Denn wieder einmal war es vollbracht. Rückfahrten mit mehr Pausen als sonst folgten. Zusammen mit der Erkenntnis, dass diese Butterdampfer irgendwie eine merkwürdige Wirkung auf Erwachsene haben und der ideale Platz sind die nächste Eiszeit unter pottenhässlichen Wolldecken zu überleben.

Über Gerrit Hoss

Gerrit Hoss

Ich bin Musiker, Autor diverser Magazine und Radio-Journalist beim NDR. Ich mag es bunt und wohl intoniert. Deshalb klingt der Norden für mich am schönsten.

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Eine Meinung über “Nordische Nostalgie – Die Butterfahrt

  1. Daran kann ich mich nur allzugut erinnern! Super schön geschrieben!

    Rene Flindt | | Antworten

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