Aufgespießt: Ja, spinnen die Norweger? Nö. Die stricken…

Norwegen hat etwas Neues entdeckt: das langsame Fernsehen. Man nimmt sich Zeit. Sehr viel Zeit. Das norwegische Fernsehprogramm hat Themennächte der besonderen Art eingeführt. Zum Beispiel die nationale Nacht des Strickens… Ein Blick in die bestrickende Welt unserer nordischen Nachbarn.

Es geht los, wie es losgehen muss. Ein Schaf muss dran glauben. Nein, es landet nicht im Topf. Es muss Federn – äh, Wolle lassen. Klar, dass es mit der alten Schere geschoren wird. Ein „Vollwollautomat“ wäre ja viel zu schnell. Man hat ja die ganze Nacht lang Zeit. Und das schöne Volkslied im Hintergrund hat ganz viele Strophen. So lange muss die Schur mindestens dauern.
Gleich neben dem Schaf sitzen Damen in Strickjacken und Strickpullovern an uralten und fußbetriebenen Spinnrädern. Die Moderatorin holt tief Luft. Es würde ja so toll duften. Ob das Schaf das auch findet? Auf alle Fälle ist ihm gleich kalt. Schließlich ist November. Das wird ein kalter Winter – so ohne Wolle am Leib. Vielleicht bekommt es ja Asyl beim Sender. Die haben ja warme Redaktionsräume…
Aber zuerst trifft man sich für rund 8,5 Stunden im norwegischen Trikotagenmuseum in Salhus. Das ist ein kleines Örtchen, rund zwanzig Kilometer von Bergen entfernt. Das Motto der Nacht lautet – man glaubt es kaum: „Vom Schaf zum Pullover“. Wer nun aber meint, dabei bliebe es, der irrt gewaltig.
Es steckt System hinter dieser Sendung!
Gefühlt strickt und spinnt die eine Hälfte der Norweger, während die andere Hälfte der Bevölkerung zuguckt und somit wohl auch irgendwie spinnt… Die Zuschauerzahlen belegen zumindest hohe Einschaltquoten…
Die Macher sind zufrieden. So zufrieden, dass sie gleich auch noch eine Nacht an Feuerschalen übertragen. Das nennt man dann nationale Feuerholznacht.
Oder sie zuckeln stundenlang mit Schiffen und Bahnen durch ihre Fjordlandschaften.
Aber zurück zum Stricken. In fünf langatmigen Episoden geht das Nadelgeklapper an niemandem vorbei. Ob Schlipsträger, Alternativer, Ottonormal – sie stricken uns alle was vor. Dabei darf es auch gern mal historisch werden, wenn beispielsweise Masche für Masche gezeigt wird, wie die alten Winkinger damals ihre Strickwaren angefertigt haben. Die hatten nämlich nur eine Nadel. Die konnte aus Holz sein oder gern auch aus Seehundknochen. Ihr „Gegenspieler“ war der Daumen des Strickenden.
Wie von allein werden kiloweise Wolle in dieser Nacht in Maschen gefasst. Die Moderatorin wechselt laufend die Strickjacken, um letztendlich auch noch ohne Schuhe auf Strickstrümpfen vor der Kamera zu stehen. Die Auswahl ist ja da…
Und nachdem ein alter Ford ein neues Gewand bekommen hatte, versucht sich eine Gruppe strickender Damen mitsamt ihren Wollresten an einer neuen Verkleidung für eine Harley Davidson. Ob eine von ihnen zufällig Liesl heißt? Naja. Ist ja auch egal. Schick in Strick steht die Maschine schließlich da. Mit Flammen aus roter Wolle, Totenköpfen, Stricknummernschild und allem Schnickschnack, den man sich in Maschen vorstellen kann.
Warum machen wir so etwas eigentlich nicht?
Es ist noch nicht lange her, da gab es ein Strickprojekt in der Hamburger Waitzstrasse. Da endeten Bäume und Laternenpfähle in bestrickender Pracht. Wo waren da ARD und ZDF? Den Vorgang hätte man doch gern mal live zeigen können… Oder lieber doch nicht? Viel spannender ist das reguläre Programm ja oftmals auch nicht. Vielleicht warten wir einfach auf eine nationale Feuerschalennacht. Das gäbe doch bestimmt einen spannenden „Brennpunkt“…

Wer ein Auge in die bestrickende Welt der Norweger werfen möchte:

http://tv.nrk.no/serie/nasjonal-strikkekveld

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

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