Meine Davidwache – Geschichten vom Kiez

Da steht er da mit seinem Hund… Idylle auf dem Deich vor Friedrichskoog. Idylle hatte Waldermar Paulsen nicht immer um sich herum. Im Gegenteil. Als Zivilfahnder auf dem Hamburger Kiez hat er so einiges erlebt und gesehen, das er lieber nicht erlebt und gesehen hätte. Die Erinnerungen aus der Zeit hat er in seinem Buch „Meine Davidwache – Geschichten vom Kiez“ aufleben lassen.

Klar. Man hat seinen Beruf. Liebt man ihn, macht man ihn so gut man kann. Selbst wenn man dabei Federn lässt. Waldemar Paulsen war viele Jahre Zivilfahnder auf dem Hamburger Kiez. Aus eigenem Wunsch wurde er das. Nachdem er ein paar Jahre Terroristen gejagt und dabei ständig als Teil einer Hundertschaft sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, konnte ihn St. Pauli nicht schrecken. Öfter als einmal hatte er erfahren dürfen, dass Kollegen im Kugelhagel von RAF-Terroristen umgekommen waren. Es war eine harte und anstrengende Zeit für die Hamburger Polizisten Anfang der 70er Jahre. Die Davidwache schien ihm dagegen spannend und einladend. Nach einiger Zeit auf dem Revier durfte er die Uniform ablegen und wurde stattdessen Zivilfahnder. Und als solcher machte er das, was man als höflicher Mensch eben tut. Er stellte sich vor. Luden, Wirtschafter, Huren und natürlich die „Alpha-Männer“ des Kiezes sollten wissen, mit wem sie fortan zu tun haben würden. Gefreut hat sich über diese neue Bekanntschaft wohl keiner.

Bordell-Liste. Quelle: Waldemar-Paulsen.de

Waldemar Paulsen und seine Kollegen gingen akribisch gegen Verbrechen vor. Bundesdeutsches Recht sollte wieder auf dem Kiez gelten. Dort hatten sich längst eigene Gesetze durchgesetzt. Es war eine ewige Gratwanderung. St-Pauli durfte seine Regeln haben – innerhalb des rechtlich Erlaubten. Diese Sichtweise schmeckte nicht jedem. Kein Wunder, dass es immer etwas zu tun gab. Zum Beispiel, wenn sich ein neuer Zuhälter auf dem Kiez einleben wollte und zeigte, dass er nicht wohin mit seinem Testosteron wusste. Dann wurde es brenzlich.
Wenn die Fahnder Verstärkung brauchten, mussten sie das Telefon des Etablissements benutzen, in dem sie sich gerade befanden. Handy gab es noch nicht. Korrekt, wie die Beamten waren und zu sein hatten, legten sie dafür pflichtgemäß 20 Pfennig auf den Tresen. Groschen in der Hosentasche waren in der Zeit für Polizisten unerlässlich.

Festnahme von Straftätern. Der Kollege hält fest, während Waldemar Paulsen das Auto durchsucht. Quelle: Günter Zint

Rotfuchs nannten Sie ihn auf dem Kiez. Wohlgesonnene Kollegen nannten ihn Pauli. Waldemar Paulsen war in den 70er und 80er Jahren eine besondere Art Fachmann in Sachen Prostitution. Zuhälterei und Nepp in Stripteaselokalen hielten ihn auf Trab. Respektvoll ging er mit „seiner Kundschaft“ um. Er siezte alle in den Bordellen. Er kannte alle. Er ERkannte sie nicht immer. Da gab es zum Beispiel die Hure, die ihm vorwarf, dass er sie nicht gegrüßt hatte. Irritiert fragte der Kriminalhauptkommissar wo sie einander denn begegnet wären. Die Antwort: in der Innenstadt. Wie sollte Waldemar Paulsen sie da auch erkennen und grüßen? Da hatte sie schließlich etwas an! Perfekt getarnt nennt man das wohl…

Man beachte die Internationalität: Englisch, Französisch und Schwedisch… Quelle:Waldemar-Paulsen.de

Länger als 41 Jahre war Waldemar Paulsen Polizist in Hamburg. Von St.Pauli hatte er sich in den 80er Jahren getrennt, nachdem ein Ganove ihn erschießen wollte und die Kugel einem Mann neben ihm das Leben kostete. Im Ruhestand, im beschaulichen Friedrichskoog, war es dann ruhig um ihn herum. So ruhig, dass die alten Geister ihn wieder einholten. Erinnerungen kamen hoch. Alle Details. Noch heute kann er sagen, wann dieser oder jener Zuhälter Geburtstag hatte. Viele schlimme Dinge hat er erlebt. Zeit für die Verarbeitung war ihm nie geblieben. Verarbeiten. Als Pensionär kam die Gelegenheit. Seine Erlebnisse hat er detailliert in seinem Buch „Meine Davidwache – Geschichten vom Kiez“ aufgeschrieben. Es ist spannend zu lesen. Es fesselt. Das Buch gibt einen einzigartigen Einblick in das St.Pauli der 70er und 80er Jahre. Man merkt es ihm an. Es hat gut getan, es zu schreiben. Manchmal holt ihn sein früheres Leben selbst in Friedrichskoog wieder ein. Beispielsweise, wenn er in ein Restaurant geht. Noch heute muss er mit dem Rücken zur Wand sitzen. Es geht nicht anders. Das nennnt man wohl Konditionierung. Alle Geister wird man eben nie los…

Mehr dazu und vor allem viele eindrucksvolle Fotos aus der Zeit vom wunderbaren Fotografen Günther Zint auf:

http://waldemar-paulsen.de

Und das legendäre Interview mit dem Boxer Norbert Grupe im Aktuellen Sportstudio, auf das sich Waldemar Paulsen in seinem gelesenen Text bezieht, ist hier zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=DZl4bQq0J5c

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

Andere Webseiten zu diesem Beitrag

  1. waldemar-paulsen.de: Lesebeitrag aus dem Buch über Norbert Grupe, Prinz von Homburg | Waldemar Paulsen – Meine Davidwache

6 Meinungen über “Meine Davidwache – Geschichten vom Kiez

  1. Mehr, mehr, mehr davon! Wahnsinn! Für meine Hamburg Gruppe auf FB genau das Richtige. DANKE. 🙂

    Daniela Disterheft | | Antworten
    1. Hallo Daniela,
      wie heißt Deine Gruppe?

      Waldemar Paulsen | | Antworten
      1. Die Gruppe heißt: Fixstern Hamburg
        Hier als Link

        Ralf Wiechers | | Antworten
        1. Danke für die freundliche Hilfe und besonders auch dafür, dass Sie diese Gruppe so wunderbar verstärken. Sie sind bereits beide bestätigt. Ihr Dabeisein macht mir große Freude und ich hoffe auf Verstärkung durch weitere HamburgerInnen. Die fehlen nämlich noch ziemlich. 🙂 Alle Hamburginteressierten sind natürlich auch herzlich willkommen.

          Die Gruppe und auch die gleichnamige Gemeinschaft, freuen sich auf alles, was Ihnem rund um Hamburg am Herzen liegt. Sei es aus dem Bereich der Geschichte, der Politik, der Gesellschaft, des kulturellen Lebens, des aktuellen Zeitgeschehens, der Gastronomie, oder auch Ihrer persönlichen Ansichten zu Entwicklungen, die Sie in Ihrer Stadt beobachten.

          Daniela Disterheft |
  2. Sehr schöner Artikel!!!

    Kurt Schulzke | | Antworten

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