Die Beifußfrau

Sie nascht Gänseblümchen von der Wiese, junge Blätter von der Linde und Löwenzahn findet sie auch ganz köstlich: Kräuterfrau Daniela Wolff liebt ihre grüne Welt und ihren Speicher.

Hexen sehen anders aus und heißen nicht Daniela. Buckel, Warze, Katze? Fehlanzeige! Daniela Wolff trägt Wanderschuhe, eine Wohlfühl-Wollstrickjacke und weit geschnittene Jeans. Sie erinnert eher an eine Wellnesstrainerin als an eine Vertreterin dunkler Mächte. Doch hätte sie früher gelebt, wäre sie vielleicht auf dem Scheiterhaufen gelandet. Denn sie hat ein Wissen, das damals den Hexen zugeschrieben wurde. Sie kennt sich aus in Sachen Kräuter.

Daniela Wolff ist Kräuterexpertin und Heilpraktikerin. Erfahrungsheilkunde nennt sie ihre Methode. Die 38-Jährige greift dabei auf Volkswissen zurück, das über Jahrhunderte gewachsen ist und beobachtet auch in Selbstversuchen die direkte Wirkung der Pflanzen. Das kann auch mal schief gehen. „Ich hatte gehört, dass man in Brennnesseln baden kann. Ich habe Wasser einlaufen lassen, die Brennnesseln reingeworfen und bin in die Wanne gestiegen – und war schneller wieder draußen als ich drinnen war. Die ganze Nacht unter Volldampf. In dem Rezept war nämlich nicht vermerkt, dass man die Brennnesseln erst abkochen muss“, erzählt die Kräuterfrau. Sie lacht bei der Erinnerung an diese feurige Episode und wirft beim Rundgang durch den Hamburger Jenischpark ihre blonden langen Haare zurück über die Schulter.

Daniela Wolff weiß auch wie Birken wirken.

Mit solchen Anekdötchen und einem enormen Wissen rund um Pflanzen macht Daniela Wolff im Hamburger Westen und in Friesland ihre Kräuterführungen zu einem Erlebnis. Sie unterrichtet an Volkshochschulen, in Vereinen und Heilpraktikerschulen. Außerdem bietet sie seit zehn Jahren eine einjährige Kräuterkundigenausbildung an. Der Beifuß gehört zu ihren Lieblingspflanzen. Deshalb nennt sie sich auch „Beifußfrau“: „Beifuß ist eine uralte Heilpflanze. Er wirkt entgiftend und stärkend. Er soll Instinkte wecken und einen Zugang zu den Naturkräften herstellen. Er hat mir beigebracht, dass ich ein Teil der Natur bin und gibt mir das Gefühl von Eingebundenheit.“

Honigklee verströmt einen wunderbaren Duft. Da nimmt auch Daniela Wolff gerne mal ein Näschen.

Diese Naturverbundenheit liegt Daniela Wolff in den Genen. Als Gärtnerstochter aus Jever in Friesland waren Pflanzen für sie immer wichtig. Als sie 14 Jahre alt war, wurde sie krank. Blasen- und Nierenentzündungen begleiteten sie die folgenden sieben Jahre. Antibiotika konnten das Leid immer nur für kurze Zeit mindern. Eine Heilpraktikerin brachte die Wende. Tees aus Schafgarbe, Frauenmantel, Taubnessel und anderen Kräutern verschafften ihr schnelle Linderung. „All das wuchs in meinem Garten“, sagt sie mit Begeisterung in ihrer Stimme. „Die Welt der Pflanzen zu betreten ist wie ein Übergang aus einer Welt des Mangels in eine Welt der Fülle.“ Sie macht eine ausladende Handbewegung über den gesamten Jenischpark, schultert ihren Rucksack und geht auf die Wiese. Sie schließt die Augen und wirkt so, als würde sie die Natur, das Licht und die Stille des Parks inhalieren. Mit sich und der Welt im Reinen. Dann zieht sie los mit dem Blick auf den Boden. Vor drei Gänseblümchen bleibt sie stehen: „Man kann hier von der Wiese so vieles essen. Gänseblümchen beispielsweise schmecken im Salat super. Ich verwende sie aber auch für Tinkturen. Alle Menschen ohne Ausnahme verbinden mit ihnen eine heile Kinderwelt. Alleine das Anschauen macht schon etwas mit uns. Ich arbeite mit Gänseblümchen, wenn meinen Patienten der sonnige Blick aufs Leben verloren gegangen ist.“

Gänseblümchen sind Zauberer. Sie bringen Menschen zum Lächeln und lassen eine heile Kinderwelt aufleuchten.

Sie geht suchend weiter und hält vor einem unscheinbaren Pflänzchen an. Ein seltsam großer Wassertropfen ruht in der Blattmitte. „Frauenmantel“, erklärt Daniela Wolff. „Er ist die Dreh- und Angelpflanze der Frauen, weil er der Weiblichkeit gut tut.“ Sie erzählt von der Signaturenlehre, die davon ausgeht, dass alles in der Natur miteinander verbunden ist. Dieser Lehre nach lässt sich durch reines Beobachten der Pflanzen die Wirkung ableiten. Der Frauenmantel beispielsweise sei in der Lage etwas zu halten und zu bewahren – nämlich große Wassertropfen. Genauso könne er auch Schwangerschaften aufrechterhalten.

Der Frauenmantel gilt als Pflanze der Frauen. Er wirkt zart, ist aber stark genug, einen Riesenwassertropfen zu halten.

Nicht nur Kräuter, sondern auch Bäume stehen auf dem Speise- und Studienplan von Daniela Wolff. Junge Lindenblätter mag sie sehr. Und überhaupt: „Die Linde bringt alle zum Träumen. Sie ist eine Pflanze der Liebe und des Schwelgens. Sie verursacht nahezu verliebte Zustände und ist lange nicht nur als Schwitztee bei Erkältungen zu gebrauchen.“ Sie kommt aus dem Schwärmen nicht raus, wenn sie von ihrer grünen Lieben erzählt: Vom Spitzwegerich, der für unaufgeregte und bodenständige Stimmung sorgt. Von der Engelwurz, die nicht nur verdauungsfördernd ist, sondern erheblich mehr kann: nämlich Zysten auflösen, stärken, aufrichten und schützen in allen Lebenslagen. Und vom Löwenzahn, der entschlackt, entgiftet und zudem eine echte Vitaminbombe ist.

Von wegen Kaninchenfraß: Junger Löwenzahn schmeckt super als Salat.

In ihrer Dachwohnung in Klein-Flottbek ganz dicht am Jenischpark hat Daniela Wolff ein Extrazimmer auf dem Speicher. Hier lagern unzählige Kräuter- und Pflanzenbücher, Tinkturen, Tees und Öle. Hier, auf den Wiesen und in den Wäldern lebt sie ihre romantische Sehnsucht nach der Rückverbindung mit der Natur.

Weitere Infos und Termine erhalten Sie auf der Webseite: www.beifussfrau.de

 

Über Katharina Petzholdt

Katharina Petzholdt

Angedockt im Norden mit einer Vorliebe für Franz- und Fischbrötchen, Elbblick und spröden Humor. Alltag in Blankenese, Auszeit auf Amrum.

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