Ostseetörn auf dem Papierfrachter! Teil 1: Ein paar Gedanken vorweg…

Im Jahre 2010 hatte ich in Damenbegleitung eine Reise auf dieser Route schon einmal gemacht und eine ausführliche Reisebeschreibung darüber verfasst. Und da ich durch etliche Fahrten mit Frachtschiffen einige Erfahrungen hinsichtlich der Schiffe und ihrer Ausstattung für Gäste habe, meine ich, es ist ehrenvoll für Schiff und Reederei, wenn ich zum zweiten Mal eine solche Fahrt machen will.

Wir, mein Freund und Wohnungsnachbar im Augustinum, Wolfgang Kleinhempel, und ich – beide mit Sicht nach Osten wohnend, gen Hamburg also – sehen auf der Elbe fast täglich große Kreuzfahrtschiffe vor unseren Fenstern vorüberziehen, einlaufend und auslaufend. Wir kennen diese schwimmenden Hotels mit den allzu vielen Passagieren und bevorzugen ohne Wenn und Aber die Seefahrt mit Kümos und anderen Transportschiffen, die oftmals nur zwei zahlende Gäste mitnehmen; denn mehr solcher Gäste sind offenbar lästig, auch wenn mehr Kammern und Kojen zur Verfügung stehen.

Auf Containerschiffen in der Europafahrt kann man sich oft für geringe Mehrkosten in die „Eignerkabine“ einmieten. Auf den Papierfrachtern, die von Nordfinnland Druckpapier für die deutsche Presse heranschaffen, gibt es zwar keine solch bevorzugte Eignerkabine; aber die Kammern dieser Schiffe einer schwedischen Reederei sind neu und wohlausgestattet. Sie sind zwar kleiner – aber doch groß genug. Dem stehen jedoch geräumige Aufenthalts-räume und weitläufige Freidecks zum Herumgehen gegenüber; diese Gegebenheiten sind immerhin so bedeutungsvoll, dass es Anreiz genug ist, solch eine Fahrt zum zweiten Mal zu buchen.

Schlicht, einfach und zweckdienlich

Die Reise auf Mitte August und außerhalb der allgemeinen Ferien zu legen, erschien uns günstig. Und wie wir zwei Tage vor der Abfahrt von der Agentur Zylmann erfahren, wird es von den drei Schiffen, die wöchentlich diese Strecke befahren, wieder einmal die TransPaper sein, die ich von meiner ersten Fahrt schon kenne und schätze.

Unsere Abfahrt am Donnerstag wird – anders als eine Montagsabfahrt – erst zum Abend dieses Tages stattfinden. Deshalb sollen wir, die einzigen Passagiere, gegen 19.00 Uhr uns am Nordlandkai in Lübeck einfinden, um an Bord gehen zu dürfen.

Diese Anweisung bekommen wir telefonisch schon am Montag vor Reisebeginn.

Für Leute schnellen Handelns und raschen Tuns, die obendrein Frühaufsteher sind, ist es in gewisser Weise nervig, den Tag mit gepackten Koffern zu verbringen, ehe man sich am fortgeschrittenen Nachmittag auf die Reise zum Lübecker Hafen und zur Einschiffung auf den Weg machen kann.

Mit der Bahn nach Lübeck und einer Taxe dortselbst zum Nordlandkai sind wir Ungeduldigen natürlich fast eine Stunde vor dem angegebenen Termin am Kai, wo wir bis ans Schiff gefahren wurden; in Hamburg undenkbar, dort wird man nur mit hafeneigenen Fahrzeugen bis ans Schiff gefahren.

Endlich aufs Schiff

Vor uns haben wir die mir schon von meiner ersten Fahrt mit der TransPaper bekannte superlange Gangway, an deren Fuß wir erst einmal unsere Köfferchen abstellen. Dann folgt die ulkig anmutende Anmeldung auf dem Schiff: Auf dem Deck 7 über die lange Gangway erreiche ich die Drahtgittertür, die Unbefugte und Langfinger vom Schiffszugang fernhalten soll. An der Gittertür eine Klingel- und Wechselsprechanlage. – Einmal Klingeln: Nichts. – Zweimal geklingelt: Auch nichts, aber ein Räuspern wird hörbar und wieder kommt niemand, um uns einzulassen. – Letzter Akt: SOS mit der Klingel gemorst; und alsbald erscheint der Bootsmann, ein stämmiger und freundlicher Schwede.

Um uns das Hochwuchten unseres Gepäcks nicht zuzumuten, schwebt bald darauf am Bordkran eine Kiste herab, die unten mein mitreisender Freund Wolfgang auf der Kaifläche belädt.

Unsere Kammern auf Deck 7 sind in gewohnter Weise schon namentlich beschriftet und nach raschem Einräumen und Bettenbeziehen machen wir einen ersten Rundgang in die uns zugänglichen Räume, die weitläufiger und geräumiger sind als auf anderen Frachtern und die gut möbliert sind.

Inzwischen nieselt es etwas.

Trotzdem machen wir über die Außendecks unseren ersten Besuch auf der Brücke, wo uns Gästen nicht nur freier Zutritt zu jeder Zeit gewährt wird; auch eine bequeme eigene Gäste-Ecke gibt es dort für uns, wo ich meistens dann sitze und schreibe.

Da wir noch keinen Zugang zu bordeigenen Getränken haben, vergreifen wir uns vorerst an einer mitgebrachten Flasche Rotweins, den wir uns im Gästesalon einschenken.

Dort friedlich sitzend, überfällt mich schon bald eine alte Erinnerung.

Die an der Wand befestigte Uhr gibt immer noch die gleichen Geräusche von sich: Bei jeder Bewegung des Minutenzeigers lässt sie ein erschreckend lautes, technisches Rülpsen vernehmen…, man kann es kaum anders nennen. Ein Unikum von Uhr, das ich sonst noch nirgends erlebt habe.

Da die schiffseigene Abendbrotzeit schon seit 17 Uhr vorüber ist und wir hungrig sind, bedienen wir uns am Küchentresen selbst, um die Nacht ohne Bauchgrimmen zu überstehen.

Erst um 21.30 Uhr – das Schiff ist mit Containern inzwischen voll beladen – ist Auslaufen angesetzt. Leider ist es schon dunkel, aber die 90min-Fahrt aus der Trave heraus, ist auch bei der gut erkennbaren Fahrwasserbetonnung sehr instruktiv; abgesehen davon, dass wir all das auch auf den Radarschirmen gut verfolgen können. – Dann um 23 Uhr ist es Zeit, um zum ersten Mal an der Kojenmatratze zu horchen.

Über Carl Groth

Carl Groth

Verliebt in die See und die Seefahrt - die er lange auf dem eigenen Segelboot genoss. Nun ist er auf Frachtschiffen unterwegs.

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