Auf Ostseetörn auf dem Papierfrachter, Teil 2: Von saurem Wein und schwerer See

Freitag 16.8.2013
6.30 Uhr Zeit aufzustehen, um in aller Ruhe Morgenkultur zu betreiben, ersten Besuch auf der Brücke zu machen und uns zum Selbstbedienungs-Frühstück einzufinden.

Das Wetter ist trocken, bedeckt und leicht diesig bei harmlosen 3 Windstärken aus Süd. Bestes Segelwetter! Östlich Samsö laufen wir zur Frühstückszeit ins Kattegatt hinein, Kurs Göteborg. Das große Schiff – 190m lang – liegt wie ein Bügelbrett auf der kaum bewegten See. Aber es soll sich ein kleines Tief mit Regenwetter nähern, wie der Wachhabende uns berichtet. Aber was soll’s, im Schiffsinneren regnet es ja nicht und allzu viel Sonne schadet ohnehin nur dem Teint…, so kann man sich ja auch trösten.

Im Laufe des Tages wird statt dessen die Witterung immer freundlicher: Verhaltener Sonnenschein anstelle des angekündigten Regens.

Na, wenn Engel reisen, ist das Wetter danach…, oder?

Inzwischen liegt Anholt, jene malerische Düneninsel mit teurem Yachthafen schon achteraus und wir fahren an den südlichen Schären vor Göteborg vorbei. Bereiche, durch die ich als Segler fast jährlich – oft allein an Bord – geschippert bin, denn die nördlich Göteborgs gelegene Schärenwelt ist eines der verlockendsten Ziele für Yacht-segler.

Es ist offenbar doch schwierig mit der Selbsteinschätzung, denn während wir um 16 Uhr im Containerhafen von Göteborg festmachen, beginnt es doch wieder zu regnen: So recht engelhaft scheinen wir doch nicht zu sein.

20.45 Uhr. Inzwischen sind alle Lösch- und Ladevorgänge über die Heckrampe aus beiden Decks mit Lafettenfahrzeugen abgeschlossen, die die aufgestelzten Container hochnehmen und fortfahren oder bringen. Die TransPaper läuft indes erst bei einsetzender Dämmerung aus, um per Radar sich aus dem Schärengarten herauszufummeln.

Vorausschauend könnte man sagen, dass wir für die nächsten zweieinhalb Tage bestenfalls im Sund in den Engen bei Helsingör, Kopenhagen und Malmö Land sehen werden, ehe wir in Kemi am nördlichsten Ende des „Bottenbusens“ wieder festmachen, um restliche Container zu löschen und das Schiff voll schwerer Zeitungspapierrollen zu stauen. Aber so weit ist es noch nicht. Zuerst geht es ja nach Süden um Südschweden herum und dann Kurs Öland und Gotland nach Norden hoch.

SONNABEND, 17.8. 2013

7 Uhr, freundliches Regenwetter bei guter Sicht. An Backbord schwedische Küstenlandschaft, an Steuerbord Kopenhagen, und voraus klart der leicht bedeckte Himmel merklich auf. Richtung Schweden sieht man die neue große Sundbrücke von Malmö, deren Fahrbahnen von der Insel Peberholm als Tunnel unter unserer Fahrtroute hindurch führen.

Bei zwei Windstärken aus Süd und fast glatter See kommt mir der Vergleich in den Sinn, dass man im Bus zwischen Övelgönne und Altona mehr Schwankungen und Bewegungen ausgesetzt ist als auf diesem für Ostseeverhältnisse relativ großen Schiff. Insofern ist es an der Zeit, über diesen Schiffstyp der Papiertransporter im Ostseebereich einiges zu sagen: Markant ist beispielsweise, dass die Kommandobrücke im vordersten Schiffsbereich liegt, von wo nicht nur die Gäste einen ungehinderten Ausblick haben. Auch geht die Brücke vollverglast über die ganze Schiffsbreite und macht dadurch einen besonders geräumigen Eindruck. Die gesonderte Sitzecke für Gäste erwähnte ich bereits.

Auf Deck 7, wo unsere Kammern und die Speise- und Aufenthaltsräume liegen und auf den Decks 8 und 9 sind große offene und teils überdeckte Freiflächen zur ungehinderten Bewegung vorhanden. Sie machen in der Summe sicher so viel aus wie ein halbes Fußballfeld oder ein Handballfeld. Das ist unter anderem dadurch möglich, weil die Container nicht von oben her mit Kränen geladen werden sondern gerollt z. T. unter diese Decksflächen geschoben werden können.

Zwar liegt auch die Maschine vorn unter unseren Wohn- und Aufenthaltsdecks, aber die Vibrationen sind äußerst gering. Dafür muss allerdings die Schraubenwelle durch die ganze Schiffslänge bis zur Schraube geführt werden, die mit 5,5m Durchmesser in etwa Wohnzimmergröße hat.

Um 13.00 Uhr naht die angekündigte und ersehnte Stunde:

Der Käpt’n öffnet einmal in der Woche für Mannschaft und Gäste seinen Store unverzollter Waren. Es werden Gedanken an Nachkriegszeiten wach, während alle durstigen oder rauchsüchtigen Geister sich schlangestehend vor der Stahltür sammeln, hinter der die liquiden und anderen Begehrtheiten verschlossen lagern. Cola, Bier und Zigaretten aber auch Süßigkeiten schleppen die Mannschaftsmitglieder ab, während der Käpt’n mit einer Liste dasteht und alles zwecks späterer Abrechnung notiert. Wir begnügen uns mit Rotwein, Aquavit und Myers’s Rum – bescheiden, wie wir uns zu zeigen versuchen.

Dadurch steht unserem abendlichen Trachten nach Bettschwere nichts im Wege. Dass wir derzeit zwischen Schweden und Bornholm durchs Bornholmsgat mit Verkehrstrennung schippern, sei aber am Rande doch erwähnt…, und das bei bestem Sonnenwetter!

SONNTAG, 18.8. 2013

Nachdem wir uns am gestrigen Abend über wenig schmackhaften Chianti haben ärgern müssen, blieb uns als Trost immerhin der eingekaufte Jubi. Gleichzeitig wurden wir aus dem Mannschaftsraum mit zwar nicht melodischem aber lautem Karaoke-Gesang – als deren Wochenendvergnügen – unterhalten.

Inzwischen, 7 Uhr früh am Sonntag, sind wir auf der Höhe der Stockholmer Schären angelangt, und der Him-mel ist fast wolkenlos wie am Vortage – bei 3-4 Windstärken aus SW.

Woran erkennt man, dass heute Sonntag ist?

Die Köchin, die Smutjin (?), hat heute erleichterten Dienst: Frühstück erst ab 10 Uhr, denn auch die Mannschaft – vom Singen noch müde – darf offenbar ausschlafen. Auch Dinner gibt’s erst um 16 Uhr. Meinen Hunger in der Frühe habe ich mit hartgekochten Eiern aus dem Kühlschrank besänftigt und Kaffee auf der Brücke getrunken. Dafür wurden wir zum verspäteten Frühstück mit Bratkartoffeln, Speck und Spiegeleiern verwöhnt, statt wie üblich mit Salaten, Porridge, Käse und diversen Brotsorten. Zum Dinner gab’s dann sogar ein veritables 4-Gang-Menü, das einem Augustinischen in jeder Weise gleichkäme. Und abends, nach zeitlichem Belieben, gab’s noch Hot-Dogs in Selbstbedienungs-Manier; so etwas hat man nicht einmal im Augustinum (die Seniorenresidenz des Autors, Anm.d.Red.). Aber hier werden ja vornehmlich Werktätige verköstigt und nicht müßiggehende Greise.

Man mag es kaum sagen, denn es ist wohl barbarisch, doch man muss sich ja zu helfen wissen: Mit zwei Stück Zucker je Flasche Chianti-Wein wurde ihr Inhalt für unseren Geschmack halbwegs trinkbar.

Am Nachmittag: Gale-warning (Starkwindwarnung) verkündet inzwischen die elektronische Durchsage.

Zur Zeit herrschen etwa 7 Beaufort. Woran erkennbar? Der Schaum der Wellenkämme legt sich in Streifen in Windrichtung. Aber von achtern aus Süd schiebt der Wind mit und statt max. 16 Kn machen wir gegenwärtig 19.5 Kn Fahrt, Kurs 13°, mit Kurs auf das finnische Kemi.

Am Abend bei jenem leicht veredelten Rotwein meinem nicht ungelehrigen Mitreisenden Mau-Mau beigebracht…, eine Fähigkeit, die – wie man weiß – eine Grundvoraussetzung ist, mit mir zu verreisen.

Über Carl Groth

Carl Groth

Verliebt in die See und die Seefahrt - die er lange auf dem eigenen Segelboot genoss. Nun ist er auf Frachtschiffen unterwegs.

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