Ab in die Binsen! – Ein harter Arbeitstag im Bild festgehalten von Rene Flindt

Alle zwei Jahre ist es so weit. Dann wird Jens Ossenbrüggen unruhig. Die Binsen müssen geschnitten werden. Seit seiner Kindheit ist ihm diese Arbeit vertraut.

Es ist 6 Uhr morgens. Ablaufend Wasser. Ein Motorboot bringt die Männer mit ihren kleinen Holzkähnen zum Binsengürtel auf der Haseldorfer Binnenelbe.

Seit 1938 hat die Familie Ossenbrüggen aus Moorrege das Stück Elbwatt mit den Binsen gepachtet. Gleich sind sie da.

2 Wochen lang soll jeden Tag geschnitten werden. Früher war der Binsenmarkt für die Anbieter hart umkämpft. Heute schneiden nur noch 2 Familien. Das Blatt hat sich gewendet. Die Kundschaft kämpft nun um die Ware.

Der Tag wird lang. Der alte Ranzen von Jens Ossenbrüggen leistet noch gute Dienste. Da passt viel rein: Essen, Trinken, Verbandszeug,  das alte Nokia-Handy, das überall empfängt und und und… Die Investition in die Tasche hat sich damals in der 5.Klasse gelohnt.

Freunde, Bekannte, alle packen mit an. Vom Polizisten über den IT-Spezialisten oder dem Schlachtermeister. Wenn der Feinmechaniker Jens Ossenbrüggen zum Binsenschnitt ruft, sind sie dabei. Andere Männer gehen zum Bolzen oder einen Trinken. Diese Freunde gehen in die Natur und trotzen Wind und Wetter bei harter Arbeit.

Je nach Länge der Tide soll ein Messer heute 70-100 Bunde Binsen schneiden. Die Klinge muss scharf sein. Auf Wasserstein wurden sie geschliffen. Noch einmal geht es rüber über die Klinge. Die soll ja nicht wie ein Küchenmesser schneiden. Man geht ja nicht zum Blumenpflücken.

Noch ist das Wasser nicht weit genug abgelaufen. Zeit zum Entwirren des Bindegarns. Die Sonne steigt höher. Heute wird das Wasser einigermaßen ablaufen. Das ist nicht immer so. Bei starkem Nordwestwind zum Beispiel. Im Extremfall kann nicht geschnitten werden. Das ist Jens Ossenbrüggen in seinem Leben selten passiert.

Ende Juli bis Anfang August werden die Binsen geschnitten. Die Korbflechter warten schon auf die Ware. Die ist selten geworden. Die Binsen wachsen nicht mehr so gut. Die Elbe ist einfach zu sauber geworden und die Binse saugt Dreck. Der Fische Freud ist der Binse Leid.

Immer noch steht das Wasser zu hoch. Die hohe Wasserqualität der Elbe, die Eindeichungen der Elbe nach 1976, die Pinnaustaken, die Elbvertiefungen: alles hat seinen Teil dazu beigetragen, dass die Binse nicht mehr üppig wachsen will. Alle 2 Jahre wird daher 2 Wochen lang geschnitten. Früher haben 7 Familien 4-6 Wochen lang geschnitten.

Ausruhen. Die Ruhe vor der Anstrengung tut noch gut. Wer einen Tag lang in den Binsen war, der weiß am Abend, was er getan hat. Aber das Wasser läuft stetig ab. Gleich kann es losgehen. Noch schnell den Handgelenkschoner anlegen. In seinem Betrieb für Feinmechanik hat Jens Ossenbrüggen die nicht nötig.

Mit 14 war er zum ersten Mal mit in den Binsen. Opa und Vater haben ihn alles Notwendige gelehrt. Jetzt kann es losgehen. Jede Bewegung ist eintrainiert.

Binsen ziehen schmutziges Wasser durch sich hindurch und filtern es.  Sie saugen den Dreck geradezu weg. Wenn sie reif genug sind, können sie geschnitten, getrocknet in geflochtenem Zustand zur Sitzfläche eines Stuhls werden.

Man redet nicht lange beim Schneiden. Die eigenen Kräfte wollen gut einteilt werden. Nicht nur, weil heute geschnitten wird. Morgen geht es ja auch wieder los. Und weniger anstrengend werden die Tage danach dann auch nicht.

Wenn die Binsen geschnitten werden, sollte man keine anderen Termine machen. Nach dem Motto „Am Tag im Watt  – am Abend platt…!“

Wenn die Tide lang ist, dann kann ein Mann schon mal über 100 Bunde schaffen. Jedes nasse Bund wiegt, so wie es frisch aus dem Wasser kommt, um und bei 20 Kilo. Da merkt man abends seine Arme – oder auch nicht mehr… je nachdem.

Pause. Das Wasser läuft langsam wieder auf. Die Bunde sind geschnitten und warten auf den Abtransport. Das hat ein wenig Zeit. Erst einmal ausruhen, essen, trinken.

Die Sonne brennt. Als Jungspund hat Jens Ossenbrüggen schon mal 150 Binsenbunde in einer Tide geschafft. Mit 46 Jahren ist daran nicht mehr zu denken. Die schwere Arbeit in Wasser und Watt fordert den ganzen Mann. Da ist man schon fast zu müde zum Essen.

Zeit, sich mal von innen zu begucken. Die Waschmaschine freut sich heute abend. Da gibt es richtig was zu tun.

Lauter müde Blicke. Nur einer kann noch lachen. Kein Wunder. Er weiß noch nicht, dass er über kurz oder lang bis zum Bauchnabel im Wasser stehen wird.

Das dauert nicht mehr lange. So wie das Wasser ging, so kommt es nun auch zurück. Bei Ostwind kann die Schnittzeit 6-7 Stunden lang sein, bei Nordwestwind können es 4-5 Stunden werden. Wie lang der Arbeitstag dauert, bestimmt das Wasser.

Einmal noch mental Kraft schöpfen. Dann geht es weiter. Bunde einholen.

Auf dem Bolzplatz mit den Freunden oder am Skattisch hätte man es einfacher gehabt. Aber nein, es muss ja die Klackermatsche sein.

Ja. Natürlich muss es die Klackermatsche mit Grünzeug sein. Das liegt schließlich in der Familie. Opa und Vater haben das auch schon gemacht. Das Herzblut ist genetisch angelegt. Und man mag die Korbmacher auch nicht hängenlassen. Man kennt sich gut – schon lange und über Generationen. Ist da noch etwas Leckeres im alten Ranzen? Wäre ja doch noch ganz schön.

Andererseits kann es jetzt auch gut weitergehen. Das erste Boot wird mit dem Stak zu den Binsenbunden gebracht. Auch das Staken will gelernt sein. Hält man den Bug nicht genau in den Wind, schert das Boot aus.

Wer jetzt aufgibt, hat verloren. Das dürfte an dieser Stelle eine alte Binsenweisheit sein…

Tiefstapler haben hier keine Chance. Die Boote müssen so hoch wie möglich beladen werden. Alle Bunde sollen schließlich mit.

Das Wasser fließt schnell wieder auf. Sich ranhalten ist angesagt. Spätestens jetzt lacht niemand mehr.

Man schöpft Hoffnung. Ein Grossteil des Tagwerks ist vollbracht. Die Bunde sind fertig auf den Booten und warten auf Landgang.

Am Ufer wartet das alte Förderband. Auf ihm werden die Bunde vom Boot auf den Hänger vom Trecker verladen. Noch einmal Knochenarbeit.

Anschließend fährt das „Trecker-Taxi“ zum Deich.

Die Arbeit hört nicht auf. Die Nachpflege der Binsen auf dem Deich verlangen noch einmal rund eine Woche Arbeit. Je nach Wetter. Sie werden auf- und abgedeckt, ausgebreitet und wieder gebunden. Erst dann können sie ausgeliefert werden.

Aber das muss auf morgen warten. Heute ist erst einmal Feierabend. Die Beine sind lahm, die Arme auch und die Finger sind vom Knoten machen wund. Pause! Sie ist ehrlich verdient!

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

6 Meinungen über “Ab in die Binsen! – Ein harter Arbeitstag im Bild festgehalten von Rene Flindt

  1. Super tolle Fotoreportage! 🙂

    Nicole Flindt | | Antworten
  2. Toller Beitrag und super Bilder, die das Verstehen der Binsenernte sehr interessant darstellen. Echt klasse! 🙂

    Meike Kersten | | Antworten
  3. wirklich tolle, beeindruckende Bilder !!

    Frank Matthiesen | | Antworten
  4. Glückwunsch an Texterin und Fotografen. Großes Kino. Pewe

    Pewe R-Mediabase | | Antworten
  5. Super Beitrag! Super Bilder!

    Joachim Meyer | | Antworten
  6. Sehr gut in Szene gesetzt. Fotos und Text wurden optimal als Zwischenspiel eingesetzt, dadurch eine sehr verständliche Information, bitte weiter so!

    Waldemar Paulsen | | Antworten

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