Vom Barkassen-Knirps zum Überflieger

Für eine Hollywood-Diva schickte er einen Laptop auf die Überholspur, einem arabischen Scheich lieferte er einen Wagen, den es eigentlich noch gar nicht gab. Christian Glitscher ist Geschäftsführer des Norderstedter Logistikunternehmes Gateway Cargo Systems. Mit 23 Jahren übernahm er Führungsverantwortung.

Die „Angelika“ wiegt sich in den Wellen. Am Steuer seiner alten Dame an Brücke 10 bereitet sich Barkassen-Unternehmer Ralf Glitscher auf den Tag vor. Der Regen pladdert an die Scheiben, ein grauer Tag. Im Hauptraum der Barkasse sitzt Sohn Christian (30) und blickt zurück auf alte Zeiten. Hier an den Landungsbrücken ist er groß geworden zwischen Schiffen, Skippern und Fischbrötchen. „Mein Vater hat damals immer meinen Niedlichkeitsfaktor ausgenutzt. Er hat mir die Barkassenmütze aufgesetzt und mich zum Kundenfang auf die Brücke geschickt“, erinnert er sich mit einem Grinsen. Schon damals konnte er sich nicht vorstellen, das Geschäft eines Tages zu übernehmen. Die Vorstellung, immer bei Schnee und Regen raus zu müssen, reizte ihn ebenso wenig wie die Selbstständigkeit an sich. „Ich wollte lieber einen Job haben, der montags bis freitags von 9 bis 5 stattfindet.“

Schon als Knirps fühlte sich Christian Glitscher an den Landungsbrücken wohl.

„Nine to five“ hat er nicht bekommen. Eher rund um die Uhr. Wenn am Sonntagmorgen um 6.00 Uhr das Handy klingelt und ein Geschäftspartner den Treibstoffzuschlag für Indien wissen will, gehört das eben zum Job. Denn Christian Glitscher ist Geschäftsführer der Luft- und Seefrachtspedition Gateway Cargo Systems. Das Norderstedter Unternehmen ist auf die Lieferung von Schiffsersatzteilen spezialisiert, liefert aber auch alles von Konditorei- und Backwaren bis hin zu Teilen für komplette Fabriken. Stephan Klose (56), der die Spedition vor 25 Jahren gründete, hat sich aus dem Tagesgeschäft verabschiedet. Gelegentlich kommt er vorbei und schaut Glitscher über die Schulter, wenn der die 35 Angestellten, die Niederlassungen in Frankfurt und Chicago und die Kontakte zu den weltweit verstreuten Partnern managt.

Der Luft-Spezi lässt Frankfurt abheben

Als Firmeninhaber Klose 2006 dem damals 23 Jahre alten Glitscher den Aufbau und die Führung der Frankfurter Niederlassung anbot, kannten sich die beiden schon seit Jahren. Glitscher hatte nämlich bei Gateway seine Ausbildung zum Speditionskaufmann gemacht. Doch weil ihn das Schneckentempo der Seefracht nervte, wechselte er im Anschluss zu einem Luftfrachtunternehmen: „Ich mag das Tempo. Die Akten sind schneller vom Tisch und man weiß, was man verdient hat.“ In Frankfurt sollte Christian Glitscher nun die Niederlassung neu aufbauen und ganz auf Luftfracht ausrichten. Doch er zögerte lange, Freunde und Familie zu verlassen um nach Hessen zu gehen. Stephan Klose aber ließ nicht locker. Neun Monate, viele Gespräche und einen HSV-Fußballabend später sagte Glitscher zu. „In Frankfurt funktionierte einfach nichts. Ich habe alles neu strukturiert, Leute eingestellt, Arbeitsabläufe umorganisiert und nach etwa einem Jahr waren die Zahlen nach Stephan Kloses Vorstellung. Das fand ich toll, aber ich war auch sehr erschöpft.“ Die hessische Redekultur war für Nordlicht Glitscher eine Herausforderung. „Die Hessen babbeln und schmücken immer alles aus. Ich mag’s aber eher kurz und knackig.“ Obwohl ihm die Heimatstadt und speziell das Geschrei der Möwen sehr fehlte, blieb Glitscher vier Jahre in Hessen. Um den vorzeitigen Abflug seines Luft-Spezis zu verhindern, schenkte Stephan Klose ihm eine kreischende Sylter Knautschmöwe.

Unterwegs im Auftrag der Diva

Wenn Christian Glitscher von Aufträgen spricht, die ihn ans Limit gebracht haben, funkeln Hektik und Freude in seinen Augen. Er erzählt von seinem Wettlauf gegen die Zeit, als eine Hollywood-Diva ihren Laptop vergaß. Im Flieger von L.A. nach Berlin fiel der Künstlerin auf, dass ihr Rechner noch zu Hause stand. Glitscher sollte ihn nun ins Ritz-Carlton zaubern – und zwar vor ihrer Ankunft. Diese Art von Thrill liebt er: „Da ist man kurz davor zu verzweifeln, weil das fast unmöglich ist. Aber die Euphorie, wenn es geklappt hat, ist wunderbar.“ Er berichtet von einer Popband, die ihre schlecht gepackten Koffer mit heraushängenden Schlüpfern per Eilauftrag nach L.A. nachliefern ließen und von einem arabischen Scheich, der unbedingt einen speziellen Luxuswagen haben wollte – eine Woche bevor der überhaupt auf den Markt kam. „Es gibt keine 08/15-Aufträge, weil immer was passieren kann. Und genau das ist der Spaß an der Sache. Wenn man daran keinen Spaß hätte, dann könnte man diesen Job nicht aushalten“, sagt er und zwirbelt an seiner alten Barkassenmütze, die nie die „Angelika“ verlassen hat.

Über Katharina Petzholdt

Katharina Petzholdt

Angedockt im Norden mit einer Vorliebe für Franz- und Fischbrötchen, Elbblick und spröden Humor. Alltag in Blankenese, Auszeit auf Amrum.

Keine Meinungen bisher.

Wir freuen uns auf deine Meinung. Schnell dann bist du der Erste.

Hinterlasse deine Meinung