Mal locker einen Korb kriegen…

Das geht bei Stefan Jentzsch ganz schnell. Kein Wunder, ist er doch Korbmacher in der 4.Generation. In dem kleinen Dörfchen Oldershausen, unweit der Strasse, die von Winsen nach Lüneburg führt, hat er seine Werkstatt.

In dem großen, hellen Raum sitzt Petra Klitzke zusammen mit ihren Kolleginnen. Sie hat noch richtig Korbmacherin gelernt. Das Handwerk bei Korbmacher Jentzsch Senior in der Werkstatt – für den Berufsschulunterricht musste sich sich in Winsen zwischen die Tischler setzen. Kein Wunder, bei einem Beruf, der eigentlich schon ausgestorben ist. Dabei soll es laut Stefan Jentzsch der zweitälteste der Welt sein. Körbe wurden schon immer gebraucht. Überall. So mancher, der gar keinen haben wollte, hat zu seinem Leidwesen einen bekommen. Die Redewendung „einen Korb geben oder bekommen“ hat eine lange Tradition. Viele Geschichten ranken sich darum. Wurde im Mittelalter ein schönes Fräulein umworben und der Werber scheinbar erhört, war die Liebelei noch lange nicht unter Dach und Fach. Erst stand eine Art Prüfung an. Das Fräulein ließ einen Korb herab, der Jüngling stieg ein und wurde nach oben gezogen. Das spricht für gute Muckis in den Armen des Fräuleins und Flaschenzüge mit guter Übersetzung. Jedenfalls wenn sie es schaffte, ihn bis nach oben in ihre Kemenate zu hieven. Das wollte sie aber gar nicht immer. Das zeigte sie auf ziemlich fiese Weise, indem sie den Boden des Korbes vor dem Einsatz sorgfältig lockerte. Ein paar Meter über festem Erdengrund kam es so gern zur Spontanentsorgung des Lüst- äh, Jünglings. Er war durchgefallen.

Dieser Boden wird bestimmt fest!

Petra Klitzke gibt sich Mühe. Dieser Korbboden wird halten. Da ist sie sich sicher. Das muss er auch. Schließlich soll das mal ein Schlafkorb werden. Wenn sie fertig ist, wird er sich auf den Weg in eine Kinderkrippe machen und ein kuscheliges Nest für den Mittagsschlaf werden. Korbrohr ist ein tolles Material, da sind sich die Korbflechter einig. Was daraus vernünftig verarbeitet wurde, hält fast ewig. Genauso wie die Symbolkraft des Korbes. Wurde in alten Zeiten ein Mädchen von zwei Männern umworben, gab sie dem einen ihre Hand und dem anderen ihrem Korb. Bleibt nur zu hoffen, dass in dem Korb wenigstens etwas Schönes war, das zumindest ein wenig getröstet hat…

Schau mal, so geht das.

Was doch nicht ewig hält, wird eben repariert. Zum Beispiel die Sitzflächen von Stühlen. Gaby Siegusch gibt ihrer Kollegin Nicole Neumann ein wenig Hilfe. Gar nicht so einfach, so ein Flechtwerk. Bummelig ein Arbeitstag wird gebraucht, dann ist die Sitzfläche fertig und der Besitzer des Stuhles bekommt sie zurück. Allerdings muss er Rund 90 Euro in der Werkstatt lassen. Ein neuer Stuhl kostet mehr. Stefan Jentzsch und „seine“ Frauen mögen die Abwechslung bei ihrer Arbeit. Über ganz ungewöhnliche Aufträge freuen sie sich besonders. Der 3 Meter 50 hohe Rattanengel für ein Einkaufszentrum war so einer. Das sind die Werkstatt-Highlights. Bei solchen Kundenwünschen versteht sich von selbst, dass alle für ihren Beruf Geduld, handwerkliches Geschick und ein Auge für Formgebung brauchen.

Leim und Spannung für stabile Strandkörbe

Eigentlich heißen die Korbmacher gar nicht mehr so, sondern Flechtwerkgestalter. Wer ihre Werke genauer unter die Lupe nimmt, wundert sich nicht. Das Wenigste, was in der Werkstatt von Stefan Jentzsch hergestellt wird, sind Körbe. Es sei denn, man lässt Strandkörbe in diesem Zusammenhang gelten. Davon werden über das Jahr sehr viele hergestellt. Das Gerüst fertigt er auch selbst. Holzlatten werden verleimt, eingespannt, trocknen und bilden die Grundlage für den zukünftigen Sonnen- und Windschutz. Das Rohmaterial für das Flechtwerk aller Art kommt aus Indonesien. Leider wird es immer teurer, was den wenigen Korbmachern zu schaffen macht. Auch Weide wird verarbeitet. Wenn sie in der Oldershausener Werkstattt durch die Hände läuft, hat sie schon eine Anreise aus Spanien hinter sich. Dort wird sie für diese Zwecke angebaut – was weiter nicht verwundert, denn in Spanien gibt es noch viele Korbmacher.

Der Sitz soll halten

Nicole Neumann ist zufrieden. Ihre Stuhlfläche nimmt Gestalt an. Während sie arbeitet, singt sie immer wieder laut die Musik aus dem Radio mit. Hier zu sitzen ist nicht selbstverständlich für die junge Frau. Eigentlich hat sie mal Friseurin gelernt. Weil sie Stefan Jentzsch und seine Werkstatt kannte und außerdem die Kollegen dort mochte, hat sie mal gefragt, ob sie nicht mal ein paar Wochen helfen dürfte. Sie durfte, lernte und blieb gleich ganz als Quereinsteigerin. Ihrem fröhlichen Gesang nach muss es die richtige Entscheidung gewesen sein. Für alle.

Fehlt nur noch der kleine Reiter.

Rattan ist geduldig und lässt viel Kreativität zu. Das Schaukelpferd hält viele Kinder aus. Genauso wie die Schlafkörbe für die Kleinsten. Aber nicht jeder Korb hat Ruhe und Zufriedenheit geschenkt. Ganz im Gegenteil. In Teilen Norddeutschlands wurden Körbe auf besondere Weise bei der Brautwerbung eingesetzt. Dem Vater des angebeteten Mädchens wurde das Interesse eines jungen Herrn über einen Mittelsmann zugetragen. Es wurde auch erwähnt, wann der Bewerber sich dem Elternhaus des Mädchens zu nähern gedachte. Die Familie hatte somit Zeit, sich zu beratschlagen. Wenn sie kein Interesse an dem jungen Herrn hatten, stellten sie einen Korb vor die Tür. Näherte sich der Möchtegern-Bräutigam dem Haus, konnte er die Absage schon von weitem sehen und kehrtmachen. So blieb allen der „Frontalangriff“ mit peinlicher Absage erspart. In Dithmarschen soll dafür angeblich kein Korb, sondern eine Schaufel benutzt worden sein. Da bekam man also eine Schaufel (zum Glück nicht über den Kopf – hoffentlich…).

Wie man sich bettet so liegt man

Solche Zeiten sind gewesen. Heute bietet Stefan Jentzsch neben Schlafkörben auch welche für Kaminholz oder ganz einfach zum Einkaufen an. Gern fertigt der 52 Jahre alte Korbmacher auch Rattansessel selbst. Die haben den Vorteil, dass man sie von vornherein der Tischhöhe anpassen kann und sie wirklich stabil sind. Seit 1976 steht er in der Werkstatt. Die hat er von seinem Vater übernommen. An seiner Arbeit schätzt er, dass er Werkstücke von Anfang bis Ende durcharbeiten kann. „Man hat Bezug zu jedem Stück und bekommt sofort Resonanz, ob die Arbeit gefällt“, meint der zweifache Vater. Seine Söhne werden den Betrieb wohl eher nicht weiterführen.

Stabil und passgenau für ganzen Sitzkomfort.

Fertigprodukte und immer teurer werdende Rohstoffe machen den Beruf langsam hart. Es geht der Korbmacherei lange nicht mehr so gut, wie in der Blütezeit in den 70er und 80er Jahren. Zu wenige Menschen wissen es einzuordnen, wenn der eigens für sie hergestellte Sessel 350 Euro kostet. Das ist einigen zu viel Geld – auch wenn es der schönste Sessel für`s Leben sein kann, in dem viele Arbeitsstunden, Fachwissen und Herzblut stecken. Eigentlich unbezahlbar. Da lohnt es sich vielleicht doch noch mal, genauer zu überlegen…

Mehr Informationen:
http://korbflechterei-jentzsch.de/

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

Eine Meinung über “Mal locker einen Korb kriegen…

  1. Der Stefan hat mir einen Korb für mein Kaminholz gemacht, Superteil, der geht nie kaputt.

    Klaus-Dieter Marotz | | Antworten

Hinterlasse deine Meinung