Fixe Tippelei!

So wünscht man einen guten Weg! Zumindest unter jungen Gesellen auf Wanderschaft. 3 Jahre und ein Tag lang dauert die Reise auch für Mario. Rund ein Jahr sind davon um. Da gibt es schon einiges zu erzählen!

„Mir gefällt an den wandernden Kameraden besonders gut, dass sie „geradeaus“ sind. Da gibt es kein Gerede hinter dem Rücken. Man sagt jedem direkt und sofort ins Gesicht, was man über ihn denkt.“ Klare Verhältnisse. Das liegt Mario. Seit gut einem Jahr ist er unterwegs.

Tippeln durch die Natur

Mario Greive ist ein Rolandsbruder. Bremer Maurer haben diese Bruderschaft, den Rolandschacht, im Jahr 1891 gegründet. Offen ist sie allerdings für alle Bauberufe. Mario ist Zimmermann. Seine drei Lehrjahre liegen hinter ihm. Mit dem Stenz, das ist sein Stab und dem Charlie, das ist ein Tuch, in dem er seine Habseligkeiten bündelt, ist er unterwegs. Ihm war früh klar, dass er die Möglichkeit der Wanderschaft nutzen möchte. „Nirgendwo lernt man sonst so viel“, meint er. Dass spanische Zimmerleute anders arbeiten als ihre dänischen Kollegen, war ihm natürlich immer klar. Aber selbst von Region zu Region wird überall ein wenig anders gebaut. Man lernt immer hinzu. Geht gar nicht anders. Drei Monate Arbeit in Dänemark liegen gerade hinter ihm. Dänisch hat Mario dabei nicht gelernt. Die Kommunikation klappt auch so. Schließlich ist er gut ausgebildet, kennt die Handgriffe seines Jobs und außerdem gibt es ja auch noch Hände, Füße und ein paar Brocken Englisch. Das reicht, um durchzukommen.

Die gesamte Kluft muss stimmen.

Wer einen Wandergesellen sieht, kann an der Farbe der Kluft erkennen, zu welcher Berufsgruppe er gehört. Marios Kluft ist schwarz. Das kommt noch aus einer Zeit, als die Zimmerleute auch Särge gebaut und zu Grabe getragen haben. Sie waren sozusagen allzeit bereit für einen Gang zum Friedhof. Sieht man einen Gesellen in heller Kluft, kommt er aus einem „Steinberuf“, ist also Maurer, Betonbauer oder etwa Steinmetz. Der Hut ist allen gleich. Der wird auch nicht abgesetzt – nicht einmal zum Gruß. Einzige Ausnahmen sind nachts das Bett, die Dusche oder die Küche. Aus Respekt vor der Nahrung, die man bekommt, wird er dann doch einmal abgenommen. Ansonsten bleibt er dort, wo er hingehört: auf dem Kopf. Schließlich hat er da eine besondere Bedeutung. Er ist das Zeichen der Freiheit. Früher war das Tragen eines Hutes ein Privileg der Adeligen. Die Handwerker zogen stolz nach. Ein Rolandsbruder ist gut an seiner „blauen Ehrbarkeit“, dem blauen Schlips, zu erkennen. Jede Bruderschaft hat ihre besonderen Merkmale. Die wandernden Gesellen können schon von weitem erkennen, wer da auf sie zukommt. Vieles ist ihnen gemein. Am Jacket befinden sich an jedem Ärmel drei Knöpfe. Die einen stehen für die Anzahl der Lehr-, die anderen für die Anzahl der Wanderjahre. Die Weste ist mit Perlmuttknöpfen verziert. Der Z-Stich hält sie an Ort und Stelle. Es sind 8 Stück. Sie stehen für die Anzahl der Stunden, die täglich gearbeitet werden. Da Zimmerleute früher auch im Bootsbau tätig waren, haben ihre Hosen heute noch die zwei traditionellen Reißverschlüsse. Wenn ein Zimmermann bei der Arbeit ins Wasser fiel, zog ihn die schwere Hose nach unten. Damit sie leichter zu öffnen und besser abzustreifen war, wurde sie mit den 2 Reißverschlüssen versehen. Der breite Schlag hält Sägespäne aus den Schuhen fern.

Schmuck ist tabu. Eine Taschenuhr ist erlaubt. Kleine Anhänger an der Uhrkette zeigen den Weg der Wanderschaft.

Die drei Wanderjahre sind nicht nur Zuckerschlecken. Reisende Gesellen pflegen engen Kontakt untereinander – auch ohne Internet und Handy. Sie erzählen einander wohin der Weg sie führt. Durch Mundpropaganda weiß so jeder von jedem. Man trifft sich. Immer. Rund 500 junge Menschen sind derzeit unterwegs. Ungefähr 10% sind Frauen. Auch sie werden mit „Kamerad“ begrüßt. So wie alle Männer eben… Frauen sind noch nicht lange auf der Wanderschaft. Trotzdem nehmen einander alle gern an. Man erzählt sich. Welcher Meister ist gut? Welcher nicht? Bekam man Tariflohn? Gab es zu essen? Wurde der Geselle gleichberechtigt behandelt? Bekam er ein Bett? Das sind wichtige Kriterien für Heimatlose. Das sind diese Wandergesellen nämlich für die drei Jahre und den einen Tag. Es spricht sich auch herum, wenn ein Rolandsbruder sich selbständig gemacht hat. Der kennt sich aus. Er kennt die Bedürfnisse des reisenden Bruders. Da kommt man gern unter.

Auch der Ohrring zeugt für Ehrbarkeit.

Wer sich auf den Weg machen will, muss sich zuerst einen Gesellen suchen, der die Reise schon hinter sich hat. Der führt den zukünftigen Wanderer ein. Es ist auch ein wenig brutal, denn zuerst wird der neue Bursche „genagelt“. Ein alter Nagel wird durchs Ohrläppchen geschlagen, damit fortan der Ohrring getragen werden kann. Der Nagel wird dann vom neuen wandernden Gesellen verwahrt. Ist seine Zeit vorbei, darf auch er einen neuen Gesellen auf den Weg bringen. Die Statuten der Bruderschaft, das Regelwerk zum Verhalten, wird vor Antritt der Reise auswendig gelernt. Es gibt nichts auf Papier – oder wohlmöglich eine digitale Gedächtnisstütze. Digital funktionieren muss in diesem Fall das Hirn. Mario hat damit kein Problem. Was man sagt, wenn man bei einem Meister vorspricht, das verrät er nicht. Er nennt den simplen Grund: „Du bist kein Meister“.

AUA!

Wenn sich ein Geselle auf seiner Wanderschaft etwas zu Schulden kommen lässt, ist die Strafe simpel: der Ohrring wird rausgerissen. Dann ist man ein Schlitzohr und für immer gezeichnet. Das ist eindeutig ein Zeichen der Schande. Aber über die spricht man einfach am besten gar nicht, meint Mario. Ein Schlitzohr wird man verhältnismäßig leicht. Es reicht, die sogenannte Bannmeile zu betreten. In den Jahren der Wanderschaft hat sich jeder Geselle 60 Kilometer von seinem Heimatort entfernt zu halten. Schummeln ist kaum möglich. Die reisenden Handwerker begegnen einander, wissen voneinander, lassen sich auch einmal die Karte des anderen zeigen. Diese Deutschlandkarte gibt es bei Aufbruch mit auf den Weg. Die Bannmeile dick eingezeichnet – da gibt es kein Vertun.

Marios Bannmeile

Mario ist froh, dass ich ihn ein Stück im Auto mitnehme. Öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt. Wenn er kein Bett findet, ist das zumindest im Sommer kein Problem. Dann wird eben im „1000-Sterne-Hotel“ übernachtet. Eine Nacht am Wegesrand kann wunderschön sein, meint Mario. Bei schlechtem Wetter und in der dunklen Jahreszeit sieht das anders aus. Da muss dann mal der Vorraum einer Bank reichen. Wer einem Wandergesellen da ein Bett bietet, stößt auf Dankbarkeit. Nur ausnutzen sollte man den Handwerker im Haus nicht. Wenn vielleicht der Stuhl wackelt oder eine Kleinigkeit zu reparieren ist, dann gilt schon mal das Prinzip Hand gegen Koje. Allerdings dürfen die Arbeiten nicht zu umfangreich sein, bzw. sie müssen tariflich bezahlt werden. Ein Geselle muss in seiner Wanderzeit verdienen. Schließlich muss er Gewerkschaftsbeitrag, Krankenkasse und vieles mehr zahlen. Er hat Fixkosten. Und er hat wenig Geld. Außerdem will er den Handwerkern vor Ort nicht die Arbeit wegnehmen.

Fixe Tippelei, Mario!

Mario hat nun keine Zeit mehr zum Klönen. Er will weiter. Am besten ist es, wenn man sich nichts vornimmt und einfach in den Tag hineinlebt. Das sind die besten Tage. Auf alle Fälle sind sie nicht stressig. Und das ist ja auch etwas, das man für das Leben lernt: mehr Gelassenheit! Na dann: Fixe Tippelei, Mario!

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

5 Meinungen über “Fixe Tippelei!

  1. Ein Super-Artikel über den Rolandsbruder Mario Greive!

    W. Kirscht | | Antworten
  2. super Artikel. Mein Sohn Fritz ist am 13.10.13 los als Rolandsbruder. Es kann nicht genug bekannt werden/sein, daß die Jungs + Mädchen da einen super Job machen. Unterstützt sie ! Es ist eins der letzten Abendteuer unserer Zeit was Menschen mit Menschen erleben können.

    Matthias Vialon | | Antworten
  3. Ausgezeichnet geschrieben…habe selber im November Florian mitgenommen und sehr viel über das Leben d. Wandergesellen gelernt und wurde ausführlich in d. Geschichte eingeführt….waren knapp 6 Std zusammen im Auto unterwegs und es war keine Sekunde langweilig…ich bewundere d. Wandergesellen und habe angeboten wenn mal einer von ihnen in Hannover keine Unterkunft bekommt hat er gerne Bett und Essen bei mir frei…weiter so…geht Euren Weg in dieser einmaligen Lebensschule…

    Jeannette | | Antworten
  4. Ausnahmsweiße ein Artikel ohne dass jemand den Schnack auf den Kübel bringt. am September gehts für mich los ! 🙂 fixe tippelei allen rolandsbrüdern und anderen wandergesllen und bruderherzen 🙂

    maschauer stefan | | Antworten
  5. Ein super Beitrag.Ich freue mich schon wenn ich los darf. Liebe Grüße aus Hannover.

    Georg Pfaffenroth | | Antworten

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