Der Norddeutsche Knigge: Kapitel 6: Wie bequem darf Kleidung werden?

Also hier haben die Kühe dat mal gut. Die kommen in Fell un mit passende Hufenpuschen auffe Welt un denn sind sie eben da, wie der liebe Gott die geschaffen hat. Von hinten bis vorne bequeme un perfekt sitzende Kleidung. Oder haste schon mal ne Kuh erlebt, die `n anneres Kostüm haben will? Wer perfekt is, der is eben perfekt. Dat nennt man ländlich elegant.

Dat is bei de Menschen anners. Die sind da weit von ab. Zuerst mag die Haut ja noch einigermaßen sitzen, aber beikleinen – mit dat fortschreitende Alter – wird die ganz klar zu weit. Un Schlabberlook is ja unmodern geworden. Wenn die Leute so losziehen würden wie der liebe Gott sie geschaffen hat, würde dat außerdem auch Verwirrung auffe Straße geben. Nur darum ziehen die sich wat an. Auch allein schon, damit sie sich besser ausnanner halten können. Sehn ja sonst alle gleich aus. Zumindest ausse Sicht von ´ne Kuh is dat so. Dat Problem mit de Kledaaschen is ja aber nu, dat die nich so passen tun wie die Kuh in ihr Leder. Klamotten können manchmal als doll drücken un ziepen. Dat kann an`n Bauch sein, anne Füße oder sonstwo. Dat macht Pein un wer will dat haben? Darum gibt dat viele Vorschriften, wie man dat in`n Griff kricht. Gebildete Menschen nennen dat Edikette un wenn du edikettiert bist, is dat vornehm.
Nur mal so`n Beispiel: Du willst als Frau mal mit`m Zug fahrn. Un steigst tatsächlich in so`n Ding ein. So richtig nach irgendwo hin. Un nu stehst du da mit deine schwere Bagasche un willst nur noch sitzen un Schuhe aus haben. Die waren in`n Sonnerangebot un sind totschick, aber die drücken wie Bolle. Binnen drin in`n Waggong suchst du dir nu so`n feines Abteil. Da is auch eins – leider nich ganz frei. Da sitzt `n Kerl drin. Aber wat`n Glück, der hockt da auf `n Sitz an`t Fenster, hat seine Botten schon abgelegt un wackelt mit de Hühneraugen auf`n Sitz gegenüber. Der paßt zu dir! Dat nutz aus! Setz dich doch gegenüber un inne Mitte. Der Mann is echt scharf. Jedenfalls geht genauso ein Geruch von ihn raus. Nich wunnern. Dat is seine Schönheit. Die kommt ja von innen un innere Werte sind wat Feines. Setz dich man hin, mach dir dat bequem, frag ihn aus Höflichkeit raus, wat du nich auch die Pampuschen ablegen darfst un während du fragst, machst du dat auch schon. Platzier die Füße man auf seinen Nebensitz. Nu seid ihr schon gegenseitig per du mit de Hühneraugen. Nu bloß nich zurückzucken! Er zuckt auch nich. Dat is ne unterbewusste Prüfung von ihn un dat musst du ganz positiv sehn! Eigentlich is dat nämlich `n ganzen großen Vertrauensbeweis! Ich mein, wen zeigt man schon freiwillig seine Hühneraugen?!? Der is doch auf Kontakt aus! Kontakte doch zurück! Ihr guckt euch in`n wahrsten Sinn von dat Wort mit annere Augen an! Da ist endlich mal ein anner Angel bei dir! Fühlst du dich nu schon, als wenn 1000 Hummeln in dein Bauch Samba tanzen? Kannst dich kaum noch zurückhalten? Sind da denn keine Armlehnen? Krall dich da doch an fest! Dat sind bestimmt nich seine Füße, die dich mit ihren Geruch benebeln – dat sind die Hormone, die nu wild durch dat Abteil küseln. Dat is bewiesen. Augenkontakt kann sowat auslösen – alles aufn ersten Blick! Dat is mal untersucht worden un dat is denn ja wissenschaftlich. Un da steht nich, dat Hühneraugen nich mitzähln. Und nu fängt dat Auge unten auch noch an zu wippen un oben aus `n Hals gurgelt dat verträumt: „Rosemarie, ich steh so auf sie…“! Da kannst dir echt wat auf einbilden. Da macht dat gar nix, wenn du gar nich Rosemarie heißt, sonnern vielleicht nur Martina oder Britta.
Nu fragt er, ob der den Hosenknopf auch noch aufmachen darf! Ihn würd dat da so drücken. Is dat zu glauben? Der weiß mit Frauen umzugehn! Da könnt der glatt Männerpatent auf beantragen. Dat is dir aber auch`n wilder Heinz! Ich sach dir! Da mußt mit umgehn können! Leider hast du ja keine Hose an, die kneifen tut un dein Rock hat ja Gummizug.
Wat nu? Vonwegen de Ausgeglichenheit mußt du ja mithalten. Kneift bei dir denn sonst nix? Nich mal der Busenhalter? Doch? Prima! Denn mach doch den auf! Da hat er bestimmt nix gegen, wenn du fein höflich fragst un dat denn auch gleich machst. Macht auch nix, wenn aus den wohlsortierten Äpfeln auf einmal alte Birnen werden. Obst is Obst. Un dat kennt man ja von Zuhause. Auch gut abgelagert kann man da noch gut wat mit anfangen. Weiß ja jeder. Die werden in`n Keller unten gelagert un da gehörn die auch hin. So wie bei Dir nu. Alles perfekt. Besser geht nicht!
Von nu an pass bloß auf dich auf! Nachher seid ihr am Ende noch ganz verliebt in euch und ihr wisst gar nich mehr aus un nich mehr ein wegen die Tiefe von eure Gefühle! Dat kann so doll werden, dat ihr ganz mallig inne Rübe seid un verrenkte Sachen macht. Dat is denn eindeutig gegen die Edikette in Züge. Un außerdem kommt nachher noch der Schaffner zum Karten knipsen un will auch noch mitmachen. Dat wird ne verwühlte Angelegenheit un deine ganze Vornehmheit is in`n Eimer. Denk also dran: Bequemlichkeit mit de Kleidung tut gut. Die will aber auch wohlstens überlegt sein, immerhin hat sie nächstenliebliche Konsequenzen von`n Feinsten!

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

Eine Meinung über “Der Norddeutsche Knigge: Kapitel 6: Wie bequem darf Kleidung werden?

  1. :))))))))))))))))))))))))))))))) Eine neue Welt für singles wird eröffnet, gute Idee … 🙂

    Petra Teegen | | Antworten

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