Nachmachen erwünscht!

Babyklappen für Mütter und Babys in Notsituationen sind längst etabliert und verbreitet. Aber eine Pferdeklappe? Die ist neu – eingerichtet bei Rurup in Schleswig-Holstein.

Es ist eine kleine Strasse, die mitten durch die Natur führt. Ein wenig abgelegen von Dörfern und Höfen, kurz hinter einer Brücke, die über Bahnschienen führt, liegt ein wenig versteckt die Weide. Eigentlich würde sie gar nicht auffallen. Wer dort vorbeikommt, würde normalerweise auch vorbeifahren. Wenn da nicht ein Schild stände, das staunen lässt: PFERDEKLAPPE. Was ist das denn? Also umdrehen und beim nahe gelegenen Pferdehof nachfragen. Dort gibt es Antworten, denn hier wohnt Petra Teegen. Zu ihr gehört die versteckte Wiese. Petra Teegen ist die 1.Vorsitzende vom neu gegründeten Verein Pferdeklappe e.V.. Die Idee, die hinter dieser Notbox steckt, ist allerdings nicht neu. Schon seit Jahrzehnten hat Petra Teegen ein Herz für in Not geratene Besitzer und ihre Tiere.

Die Gesellschaft wartet schon

Den Wallachen auf der Weide geht es gut. Es sind robuste Tiere, die gut geimpft sind und sehr regelmäßig gründlich untersucht werden. Vollkommen gesund müssen sie sein, denn sie sind sozusagen das Begrüßungskomitee für Neuankömmlinge. Schließlich sind Pferde Herdentiere. Ein Pferd, das von seinem Halter abgegeben wird, soll gleich das Gefühl haben, angekommen zu sein.

Na? Kommt ein Neuer?

Wenn man genauer über die Pferdeklappe nachdenkt, dann ergibt sich die Überlegung, für wen diese Einrichtung eigentlich wirklich ist. Für Pferde? Oder doch eher für Menschen? Wohl für beide, denn es sind Menschen in Not, die plötzlich nicht mehr für ihre Tiere aufkommen können. Sie sind in finanzielle Not geraten, können den Tierarzt nicht mehr bezahlen oder gar das Futter. Die meisten Tiere werden dementsprechend in den futterkargen Wintermonaten abgegeben. Manche Besitzer sind krank geworden und können ihre großen Vierbeiner nicht mehr versorgen. Trotz ihrer Not bringen sie es nicht übers Herz das Pferd sofort zu verkaufen oder sie finden keinen Käufer. Und dann den alten Weggefährten zum Schlachter bringen? Für die meisten ein unmöglicher Gedanke. Es ist auch fraglich, ob der Schlachter es nimmt. Ein altes und wohlmöglich krankes Tier gehört nun einmal nicht in die Wurst. Der Verein Pferdekappe e.V. versteht sich als Notaufnahme für Menschen, die mit ihren Tieren nicht mehr ein und aus wissen – das ist auf keinen Fall zu verwechseln mit einem Gnadenhof, auf dem alte Tiere abgegeben und so „entsorgt“ werden können.

Sammelstelle für Informationen über das Pferd

Viele Besitzer, die ihre Pferde hier abgeben, schämen sich für ihre Not. Daher darf die Ablieferung des Tieres anonym erfolgen. Jeden Morgen geht jemand vom Pferdehof zur Weide und guckt nach, ob die Wallache noch allein sind. Die Besitzer werden allerdings dazu angehalten, eine Nummer anzurufen und zu sagen, dass sie ihr Tier in der Pferdeklappe abgegeben haben. Wenn auch der Name des bisherigen Halters nicht wichtig ist, sind es Informationen über das abgegebene Tier umso mehr. Petra Teegen und ihre Helfer müssen wissen, ob es Krankheiten hat, in irgendeiner Weise verhaltensauffällig ist, ob es geimpft und wie alt es ist. Ist dieser Anruf erfolgt, machen sich die Helfer sofort auf den Weg zur Weide, um das Tier dort abzuholen. Dann geht es erstmal in die Quarantäne und der Tierarzt wird gerufen. Diese Fürsorge kostet Zeit und Geld. Letzteres muss durch Spenden zusammenkommen. Darum ist auch der Verein in diesem Sommer gegründet worden. Schatzmeister Jürgen Klang und die 1.Vorsitzende Petra Teegen freuen sich, dass sie den langen Weg der Gründung hinter sich haben.

Zusammenhalten ist alles!

4-6 Wochen lang kann sich der Besitzer noch melden und sein Tier wieder abholen. Dann muss er für die entstandenen Kosten, die das Pferd verursacht hat, aufkommen. Ist diese Frist abgelaufen, wird das Tier verkauft. So können zum Beispiel Reitanfänger günstig an ein ehemaliges Turnierpferd kommen, das optimal eingeritten ist. Oder man kann auf diese Weise günstig ein Pferd oder Pony für die neue eigene Kutsche erstehen. Alte Pferde können durchaus noch eingesetzt werden. Auch sie brauchen Beschäftigung und wollen gern noch arbeiten. Manchmal lernt Petra Teegen auch Besitzer kennen und erlebt bewegende Momente, wie zum Beispiel den mit der jungen Frau, die erfahren hatte, dass sie nicht mehr lange zu leben hat und von Weinkrämpfen geschüttelt ihre Stute brachte. Da wird nicht viel gefragt. Da wird einfach aufgenommen.

Durchweichtes Futter schmeckt am besten bei alten Wackelzähnen…

Bei allem guten Willen braucht auch der Verein Pferdeklappe manchmal Hilfe. Zum Beispiel als 8 Holsteiner Stuten aufgenommen werden mussten. Alle Tiere waren halb verhungert. Der Reitverein, Leute aus dem Dorf und sogar die Pastorin der Gemeinde kamen und haben gemistet, geputzt, gefüttert und gepäppelt. Viele Tiere kommen auch durch das Ordnungsamt auf den Hof. Da stehen dann gern mal ein Pony und 4 Esel zusätzlich auf der Hauskoppel oder im Stall.

Haste ne Kutsche für mich? Schicke Zöpfe hab ich schon.

Zum Herbst und in der Zeit zwischen Weihnachten und April wird es eng in der Notbox. Das ist die Zeit, in der die Pferde auf den Weiden nichts zu fressen finden und gefüttert werden müssen. Petra Teegen hat mehr als einmal erlebt, dass ganze Familien dann leiden, weil sie selbst verzichten, damit das Pferd im Stall einigermaßen versorgt ist. Sie berichtet von Menschen, die sich selbst über einen längeren Zeitraum nur noch von Tütensuppen ernährt haben, bis sie sich endlich entschlossen haben, das Pferd abzugeben.

In diesem Jahr sind bis jetzt 6 Tiere gebracht worden. Aber der Winter steht ja noch vor der Tür. Im Jahr 2011 waren es 19. Oft ist guter Rat teuer und Platz Mangelware. Wenn wieder und wieder Tiere aufgenommen werden müssen, hat Jürgen Klang alle Hände voll zu tun. Er baut an allen möglichen Ecken und Enden des Hofes Zusatzboxen, damit jedes Pferd gut untergebracht ist und nicht mehr leidet. Es wurden schon Tiere aus Schneewehen geholt und gebracht. Sie haben Koliken, weil sie ohne Wasser waren und Schnee gefressen haben. All diesen Tieren gerecht zu werden kostet Kraft. Petra Teegen arbeitet eng mit dem Ordnungsamt und Tierärzten zusammen. Auch der ortsansässige Reiterverein unterstützt wo er kann. Viele Jugendliche lernen bei ihr den Umgang mit den Pferden. So ist der Hof auch ein kleines Paradies für große und kleine Pferdeliebhaber. Und so kommt so manches Pony zu geflochtenen Zöpfen. Natürlich wird altersgemäß bewegt und es wird ausgemistet und gestriegelt.

Wenn das Fell wieder glänzt und es einem abgegebenen Pferd gut geht, gibt das Kraft für die weitere Arbeit.

Petra Teegen ist stolz. In den 20 Jahren, in denen sich die gelernte Krankenschwester diesen vielen Pferdeschiksalen widmet, musste sie nur ein Tier einschläfern lassen. Das Tier war so krank und geschwächt, dass man eher von Erlösung sprechen kann, sagt sie. Allen anderen konnte sie helfen. Das waren unter anderem auch solche, die sich selbst überlassen waren, weil die Besitzer einfach weggezogen sind. Petra Teegen kann viele solcher traurigen Geschichten erzählen.

Erst bin ich zugelaufen, nun laufe ich immer schön Frauchen hinterher!

Manchmal verirrt sich auch ein anderer Vierbeiner bei Petra Teegen. Einer ist Happy – der Hund, dessen Name sein Programm ist. Seit er bei ihr ist, weicht er ihr nicht mehr von der Seite. Er lohnt ihr ihre Fürsorge mit Treue. Wo sie ist, da ist er nicht weit. Auch für sein Wohl fühlt sich Petra Teegen verantwortlich. Kein Wunder. Ist sie doch ein Mensch, der Passagen aus dem Tierschutzgesetz auswendig zitieren kann. Denn grundsätzlich gilt: Wer sich für ein Tier entscheidet, ist auch dafür bis zu dessen Lebensende verantwortlich. So steht es unter anderem im Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes.
Jeder verantwortungsvolle Mensch sollte sich dieses Gesetz vor Anschaffung eines Tieres gründlich anschauen und überlegen, ob er dem gerecht werden kann.
Verlassene und gequälte Tiere braucht die Welt nicht.

Für Spenden:
Pferdeklappe e.V.
Nord Ostsee Sparkasse
Konto 164407272
BLZ 21750000

Mehr Informationen:
www.petras-peermarkt.de

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

Eine Meinung über “Nachmachen erwünscht!

  1. Guten Abend,
    wollte mal fragen, ob die Möglichkeit besteht, in den Ferien bei Ihnen Urlaub zu machen und auf dem Hof zu helfen. Ich bin knapp 16 Jahre.
    Freundliche Grüße
    Melina Bertuch

    Melina Bertuch | | Antworten

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