Der norddeutsche Knigge – Kapitel 4: Tischsitten auf`n großen Fest

Dat is auf `n Fest genauso wie die Kühe dat mal wieder ganz toll vormachen: die meisten sitzen und kauen und ab un an steht mal ein Einzelner auf und gibt wat von sich.

Wenn du auf ein Fest sollst, denn hat dich ja meistens auch vorher einer eingeladen. Und der dich eingeladen hat, der will ja seine Freude an seine Gäste haben. Nehm dat man nich zu leicht. Dat is Verantwortung von`n Feinsten. Bereite Dich gut vor! Zieh unbedingt wat mit Gummizug an`n Bauch an. Knöpfe sind ungünstig. Die können abplatzen. Un wie sieht dat denn aus? Und die Hose wird eng – da glaub man an! An`n Tisch wird nämlich von Dir erwartet, dat Du tüchtig zulangst. Ess man lieber drei Tage vorher nix. Sonst schaffst du nix weg. Wenn also erst der Braten kommt, nehm man gern drei Stücken. Und wenn denn Kartoffeln, Rotkohl, Bohnen, Erbsen und Wurzeln und Soße gereicht werden, denn zeig man den Gastgebern, dat dat allens lecker is. Dat machst du, indem du von allens ungefähr vier oder fünf Löffel nimmst. Der mit den höchsten Berg auf`n Teller hat gewonnen. So mußt du dat sehen. Wenn du beim Auffüllen auf die Decke kleckerst, macht dat nix. Den Flecken brauchst du sowieso noch. Dazu später mehr. Nu hau man erstmal rein. Abnehm is morgen. Heute nehm wir nur von`n Teller ab. Wenn du denn da so sitzen tust un kaust, denn kannst ja mal Langeweile kriegen. Wenn du Glück hast, steht gleich einer auf. Auf so`n Fest is dat ja meist so, dat bei Tisch viele Reden geredet werden. Irgendwelche Leute, die du kennst oder auch nich, rücken geräuschvoll mit ihren Stuhl von`n Tisch ab, kloppen mit `n Löffel gegen `n Glas und setzen sich ne wichtige Miene in dat Gesicht. Ab un zu sitzt daneben einer, der aufmunternd nickt un stolz rundumgucken tut. Der kennt denn den der gerade aufgestanden is meistens. So nach den Motto „Ich kenn ein, der sich traut wat Kluges zu sagen“. Un just dieser angeblich Kluge kriegt nu historische Anfälle. Nu hör mal kurz auf mit Kauen. Hör gut hin. Da krichst denn mal mit, wer dat WIRKLICH is, der dich eingeladen hat. Vielleicht hast du hier un da wat noch nich gewußt. Dat is denn vielleicht die Stelle, wo gerade von 3 uneheliche Kinder während der Ehe mit ihr erzählt wird. Dat is doch spannend! Besonders, wenn du ihren Sauertopfblick dabei angucken kannst. Dat amüsiert doch un gehört ja mit zu die Historie von diese Menschen. Viel schlimmer als die historischen ANfälle sind die historischen AUSfälle. Nix is schlimmer, als wenn einer bei sonne Reden eine Wahrheit nache nächste sacht. Zum Beispiel, dat seine berufliche Wendigkeit nur davon gekommen is, dat er ein ums annere Mal rausgeschmissen worden is. Oder wenn da der Redner laut rausposaunt, dat sie die Handwerkerrechnungen immer sofort und in Neglischee mit vollen Körpereinsatz bezahlt. Ab da wird dat Ganze denn leicht mal schenierlich für dich als Zuhörer! Besonders, wenn du sie ihren Elektriker bist und deine Frau neben dir sitzt. Un ein paar von die annern Gäste wissen auch, dat du sie ihren Elektriker bist un die gucken dir nu tief in die Augen rein un grienen. Da musste denn auch durch. Dafür is hier ja an diesen Abend allens umsonst. Da darf man nich allens so genau nehmen. Weiß ja, `n geschenkten Gaul guckt man nich ins Maul. Greif Dir man den Korn vor Dir. Nicht lang schnacken, Kopp in`n Nacken. Den hast du dir nach den Schreck verdient. Hör man trotzdem weiter zu. Glotz dabei einfach auffe Tischdecke. Kannst dir ja nu den Flecken vornehmen, den du vorhin dahin gekleckert hast. Den kannst denn ja mit `n Fingernagel so`n büschen wegkratzen. Wenn du vorhin nich an dat Kleckern gedacht hast un dir is jetzt ganz doll nach `n Flecken, denn klecker noch schnell mit wat. Steht zum Glück ja genug rum. Wenn du dat gemacht hast, denn sachst du leise mit hoher Stimme „Huch“ un schon biste gerettet. Gar nich ignorieren, wat der da allens über sie un die Handwerker sabbelt. Darfst gern tief Luft holen, wenn der fertig is. Klatsch man, dat er sich auch schnell hinsetzt un von nu an lieber die Schnuut hält. Denn kannst ja noch wat essen. Lang man tüchtig zu, denn bist `n guten Gast. Auswärts essen dickt ja nich. Dat weiß ja jedereiner. Paßt nix mehr rein? Denn nehm doch `n Verteiler oder zwei. Halb duun is rausgeschmissenes Geld. Dat willst du dem Gastgeber ja nich zumuten. Gleich kommt auch zum Trost die Nachspeise. Nehm man gern allens doppelt. Auf ein Bein kannst ja nich stehen. Un vorsorgen muss man schließlich auch: die Uhr is jetzt neun un erst um zwölf gibt dat wieder wat. Willst bis da ja nich verhungern. Denn kommt nämlich erst dat Mitternachtsbüfee. Da kannst du denn ja gern noch mal einen auf Büfee-Frese machen. Un dat wird auch sowieso dein großer Momang: wenn von dat Büfee noch wat über is, denn sei ein wirklich guter Gast! Nehm davon man wat mit nach Hause. Dat zeigt, dat auch wirklich allens gut geschmeckt hat. Un abnehm is denn eben übermorgen.

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

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