Neuwerk – Wo schon Störtebecker seinen Becher stürzte

Der Turm ist überall. Von jedem Winkel der kleinen Insel aus ist er zu sehen, und wer hoch oben in ihm sitzt, erspäht sowieso alles.

Als es noch einen Leuchtturmwärter gab, pflegte dieser die Segler, die pärchenweise von ihren Booten im winzigen Hafen aus an Land kamen, schon aus der Ferne in zwei Kategorien einzuteilen: Wenn der Mann redete, dann war das Paar (noch) nicht verheiratet. Sollte aber die Frau reden, dann waren sie bestimmt verheiratet!

Neuwerk im Abendlicht

Die Welt ist klein und überschaubar auf diesem Außenposten Hamburgs weit draußen in der Elbmündung, gut 120 Kilometer weit entfernt vom Bezirksamt Hamburg-Mitte. Das verwaltet die Insel seit 1969. Den Leuchtturmwärter gibt es seit einigen Jahrzehnten nicht mehr, aber der Turm verrichtet noch immer seinen Dienst als Quermarkenfeuer. Es ist in dieser Form seit dem 20. Dezember 1814 in Betrieb. Das Leuchtfeuer ist heute voll automatisiert. Alle 20 Sekunden blinkt es in drei Sektoren weiß, rot und grün auf und ist immerhin bis zu 16 Seemeilen weit sichtbar. Der massive Backsteinturm, der auf 008 Grad und 30 Minuten östlicher Länge und 53 Grad, 55 Minuten nördlicher Breite auf dem südlichen Teil der Insel Neuwerk steht, wurde bereits im tiefsten Mittelalter errichtet und ist mit Abstand Hamburgs ältestes Bauwerk. Nach zehnjähriger Bauzeit wurde der 38 Meter hohe Wehrturm im Jahre 1310 eingeweiht.Ohne diesen Turm hätte das kleine, etwas mehr als drei Quadratkilometer messende Eiland niemals irgendeine Bedeutung erlangt und wäre wohl Sandbank geblieben; allenfalls interessant als Brut- oder Raststätte für Zugvögel und eine Gefahr für die Schifffahrt. Weil aber das Inselchen strategisch in der Mündung des Flusses lag, der schon damals die Lebensader der Hamburger Kaufmannschaft war, kam alles anders.

Schriftlich erwähnt wird die Insel, von den maulfaulen Friesen einst kurz und knapp O genannt, erstmals 1286.

O war, wie später auch Oog, schlicht eine Bezeichnung für „Insel“. Diese gehörte damals noch zum Land Hadeln, das von den Herzögen von Sachsen zu Lauenburg aus regiert wurde. 1299 erteilten die Herzöge den Hamburgern und allen anderen Kaufleuten, deren Schiffe an den Küsten des Landes Hadeln entlang segelten, gewisse Privilegien. Dazu gehörte auch die Erlaubnis, dass die Hamburger auf O ein Bauwerk zur Kennzeichnung und zum Schutz der Elbmündung errichten durften. Schon in den Jahren davor hatten die Hamburger quasi illegal eine Feuerbake auf O unterhalten, aber der jetzt zu bauende Turm sollte nicht nur Träger des Leuchtfeuers werden, sondern die Handelschifffahrt auch vor den Überfällen der Piraten in diesem Teil der Nordsee schützen.

Das konnte Störtebecker jedoch nicht daran hindern, die Insel und die rund 20 hier stationierten Soldaten zu überfallen und zeitweilig zu seinem Hauptquartier auszubauen. 1434 wurde der legendäre Seeräuber dann jedoch auf der Insel gefangen und in Hamburg geköpft. Turbulente Zeiten waren das für das „Nige Werk“, wie O im Hamburger Sprachgebrauch schon länger hieß. Heute geht es hier wesentlich ruhiger zu. Invasionen gibt es im Sommer, je nach Stand der Tide, ein oder zwei Mal am Tag wenn entweder das Hochwasser es erlaubt, dass die kleine Fähre „Flipper“ von Cuxhaven aus Neuwerk ansteuern kann. Oder wenn die Ebbe es erlaubt, dass die Tagesbesucher zu Fuß oder per Pferdewagen über das dann trocken gefallene Wattenmeer zur Insel kommen.

Ansonsten gehört man hier ganz schnell dazu.

Jeder Besucher, der länger bleibt als nur die paar Stunden um Hoch- oder Niedrigwasser herum, wird mit einem herzhaften „Moin“ in die überschaubare Inselgemeinschaft aufgenommen. Deren Treffpunkt ist Ottos Gartenlokal zu Füßen des mächtigen Turms, eine inselspezifische Mischung aus Dorfplatz, Kneipe, Imbiss und Laden. Hier kann man je nach Wetterlage heißen Neuwerker Eiergrog und Regenzeug erstehen, oder kaltes Flaschenbier und Sonnencreme. Souvenirs, Zeitschriften und einige Grundnahrungsmittel aus Dosen oder der Gefriertruhe gibt es hier ebenfalls, die neuesten Nachrichten von der Insel und jüngsten Gerüchte aus aller Welt sowieso.
Einen Strand hat Neuwerk nicht. Und wenn doch, dann ist das Wasser weg. Ausgelassene Badefreuden zählen also nicht unbedingt zu den Attraktionen der Insel. Wandern dagegen schon eher, bei Hochwasser in knapp einer Stunde immer auf dem Deich lang um Turm und Insel herum, bei Niedrigwasser im Watt und mit sachkundiger Führung sogar bis zum Nachbareiland Scharhörn. Im Watt gibt es vieles zu entdecken. Allerlei Kleingetier, seichte Priele, hartgerippten Sand und weichen Schlick. Dazwischen auch schon mal einen Krebs, der hier Dwarslöper genannt wird – „Querläufer“, weil er eben seitwärts wegläuft wenn die Kinder ihn ärgern.

Wat(t) ´ne Stimmung!

Und wenn man sehr großes Glück hat, entdeckt man sogar einen Nugget: ein Klümpchen Bernstein, wie er im Watt rund um Neuwerk zuweilen noch vorkommt.
Diese versteinerten, geschätzte 40 bis 50 Millionen Jahre alten Harzklunker faszinieren Sammler nicht nur auf Neuwerk. Und nicht nur heute. Schon die alten Griechen und Römer schätzten Bernstein: Die Griechen nannten ihn Elekton weil er sich durch Reibung elektrisch auflädt, die Römer Clessit (Glas). Regelrechte Handelsstraßen zur Nord- und Ostsee entstanden, um an den Bernstein zu gelangen. Auch im Norden war der brennbare Stein hoch begehrt: An der Ostsee gab es ein Gesetz, das dem Sammler von Bernstein den Tod durch den Strick androhte, sollte dieser seinen Fund nicht seinem Fürsten abliefern.

Dieses Schicksal bleibt den Hobbysammlern heute erspart.

Tragischer ist dagegen der Friedhof der Namenlosen beim Teich ebenfalls im Schatten des Turmes, auf dem die Seeleute beigesetzt wurden (und werden), die von der See auf den Sandbänken angetrieben werden. Besonders in den Zeiten vor zuverlässigen Seezeichen, Leuchtfeuern, Lotsen und Satellitennavigation war die Elbmündung mit ihren zahlreichen, veränderlichen Sandbänken dicht beiderseits des Fahrwassers eines der gefährlichsten Seegebiete der Welt. Lange, bevor irgendwo am Horizont das Festland auftaucht, lauern die Sände und Untiefen auf Schiffe, die vom Kurs abkommen. Noch jedes Schiff, das hier bei schwerem Wetter auflief, wurde in kürzester Zeit von den Brechern und Grundseen zerstört – bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Noch heute zeugen die traurigen Reste etlicher Wracks auf den Untiefen vor Scharhörn und, gegenüber, dem großen Vogelsand von der Tücke dieser Flussansteuerung.

Jetzt wird der Schiffsverkehr hier sehr genau geregelt und überwacht.

Dazu trägt auch der Radarturm auf Neuwerk bei, ein moderner Spargel vor dem Deich, der den Anfangspunkt der Radarkette bildet, die bis in den Hamburger Hafen hinein die gesamte Unterelbe entlang installiert ist. Um ein Haar wurde der Hafen der Hansestadt übrigens nach Neuwerk verlagert. Anfang der 1970er Jahre entwickelten Architekten, Politiker und Hafenplaner das Konzept eines Tiefwasserhafens zwischen Cuxhaven und Neuwerk. Vom Festland bis nach Scharhörn sollten die riesigen Betonmolen reichen, hinter denen ein gigantisches Hafenareal künstlich aufgeschüttet worden wäre. Heute ist solch ein Konzept kaum noch denkbar, zumal Neuwerk und auch Scharhörn mitten im Naturschutzgebiet und im Nationalpark Wattenmeer liegen.
Genau das zieht die vielen Tagesbesucher und Urlauber an, die zum Teil auch mehrere Tage hier verbringen. Auf der Flucht vor dem Stress und der Hektik der Großstadt auf dieser autofreien Insel mit der immer klaren Luft, unter einem unglaublich weiten Himmel voller Stimmungen und Naturgewalten. Tagsüber kann man in den Wolkengebilden träumen, nachts einen unglaublichen Sternenhimmel betrachten, ganz unbehelligt von der an Land üblichen Lichtverschmutzung. Sonne, Sturm und Regen lassen sich hier gleichermaßen genießen.
Die romantischste Unterkunft der Insel findet man übrigens, wo sonst, im Turm. Innerhalb der meterdicken Mauern, die soviel Geschichte atmen, gibt es einige einfache, aber gemütliche Gästezimmer. Und man hat es nie weit bis zum Zentrum des Insellebens, zu Ottos Gartenlokal. Übrigens muss der Neuwerk-Reisende noch immer, ganz wie zu früheren Zeiten, genug Bargeld für seinen Aufenthalt mit sich führen: Geldautomaten oder Bezahlungen per Kreditkarte sind hier unbekannt.

Über Detlef Jens

Detlef Jens

Autor, Journalist, Blattmacher der Zeitschrift "Goose", Macher von literaturboot.de, viele Jahre als Liveaboard unterwegs, lebt mit Familie in Flensburg

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