Idylle der besonderen Art – mitten in der Großstadt

Kaltehofe war einmal einer der wichtigsten Orte in Hamburg. Allein darum, weil von dort aus die Hamburger rund ein Jahrhundert lang mit sauberem Trinkwasser versorgt wurden. Ein Ort mit Geschichte – mit Tod und Cholera gleichermaßen verbunden wie mit Hygiene und Gesundheit. Nun ist das Areal ein interessantes Ausflugsziel und Ruhepool für Jung und Alt.

In den 1890er Jahren stand es schlimm um die Qualität des Hamburger Trinkwassers. Zwar kam es vielerorts bereits aus Wasserhähnen zu den Bewohnern der Stadt, aber ihnen kam ungebeten sehr viel mehr entgegen als das begehrte kühle Nass. Der Zoologe Karl Kraeplin hatte 1885 eine Zeichnung zur Fauna in den Hamburger Wasserleitungen angefertigt – er zählte 20(!) Arten. Ein Spottgedicht aus der Zeit beschrieb, was sich im Hamburger Leitungswasser befand: „Vom Tier im Hamburger Wasserrohr – da kamen 16 Arten vor: Ein Neunaug, Stichling und ein Aal – drei Würmer leben in dem Strahl. Drei Muscheln und drei träge Schnecken sich mit den muntern Asseln necken. Ein Schwamm, ein Moostier, ein Polyp – die dringen lustig durch das Sieb. An toten Tieren kommen raus: der Hund, die Katze und die Maus. Noch nicht gefunden sind – Malheur – der Architekt und Ingenieur.“

Dann kam die Cholera

Als 1893 eine schlimme Cholera-Epidemie in Hamburg ausbrach, befanden sich die Wasser-Filtrationsanlagen auf der Elbinsel Kaltehofe bereits im Bau. Fast 9000 Hamburger erlagen der Krankheit. Auffällig war: der Stadtteil Altona war weitgehend verschont geblieben. Dort wurde das Trinkwasser bereits gefiltert. Das war eine Lehre. Unter schwierigsten Bedingungen wurden daher unter Hochdruck die Arbeiten in Kaltehofe vorangetrieben. Viele Probleme machten die Arbeit noch schwerer: Arbeiter erkrankten an der Cholera, wanderten aus Angst davor ab und Lieferungen stockten. Auch an Sonn- und Feiertagen gab es keine Pausen und zeitweilig musste auch das Militär zu Schaufeln greifen. So konnte die Anlage zur Filtration des Elbwassers 1893 in Betrieb genommen: ein Jahr früher als geplant.

Schieberhäuschen regulierten den Wasserstand in den Rückhaltebecken.

Das Schöpfwerk war auf der Billwerder Insel. Dort wurde viele Jahrzehnte lang Elbwasser entnommen und erstmals gefiltert. Dieses Wasser gelangte über Leitungen nach Kaltehofe und wurde wiederum in 22 Becken gereinigt. Jedes von ihnen ist ungefähr so groß wie ein Fußballfeld und war einen guten Meter hoch zunächst mit einer Schicht aus faustgroßen Steinen und dann nach oben hin mit immer feinerem Kies und schließlich Sand befüllt. Dort fingen sich Schweb- und andere Stoffe, die im Leitungswasser nichts zu suchen haben. Erst dann wurde das Wasser weitergeleitet nach Rothenburgsort. Von dort aus erreichte es einen großen Teil der Hamburger Bevölkerung. Gegen Mitte der 60er Jahre wurde das Elbwasser durch Grundwasser ersetzt. Das Prinzip der Reinigung blieb jedoch bis zur Schließung des alten Wasserwerkes Kaltehofe im Jahr 1990.

Das Hygienische Institut errichtete eine Aussenstelle zur Kontrolle des Hamburger Trinkwassers.

20 Jahre lang lag das Areal danach brach. Schließlich entstand nach einem langen Findungsprozess das Museum Elbinsel Kaltehofe. Das ehemalige alte Labor- und Verwaltungsgebäude zeigt heute eine Ausstellung. Besucher können tief in die Welt des Wassers eintauchen. Neu hinzugekommen ist ein kubusförmiger Anbau. Zahlreiche alte Hamburger Brunnen werden hier mitsamt ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Bedeutung gezeigt.

Lok und Loren transportierten Sand und Gestein.

Im Aussenbereich lädt ein weitläufiges Gelände zu einem ausgiebigen Spaziergang ein. Dort steht auch die kleine Lok mit ein paar Loren. Als die alte Wasserkunst Kaltehofe noch in Betrieb war, hat man mit dieser kleinen Bahn verschmutzen Sand zur Waschanlage transportiert. Gereinigt kam der wieder zurück in die Becken. Mit Schaufeln wurden die Loren beladen. Die Arbeit auf Kaltehofe war kein Zuckerschlecken. Besonders nicht im Winter. Auch dann mussten die Becken ständig gereinigt werden. Bei tiefen Temperaturen war dann erst einmal Eishacken angesagt. Hinter vorgehaltener Hand wurde Kaltehofe dann auch gern „Klein-Sibirien“ genannt.

Auf Kaltehofe ist es nicht kälter als an anderen Orten Hamburgs

Der Name hat mit Kälte nichts zu tun. Er geht zurück auf einen dänischen Ritter mit dem Namen Kolden. Der hatte hier im 14.Jahrhundert seinen Hof. Der Name wurde also fälschlicher Weise einfach ins Hochdeutsche übersetzt. Von seinem Hof ist nichts mehr übrig. Sein Name aber blieb.

Physikalische Kunst oder künstlerische Physik?

Klangschalen und Steinwellen haben nun ihren Platz in Kaltehofe gefunden. Erich Bäuerle – seines Zeichens Physiker – hat dafür gesorgt, dass mit Wasser und Steinen experimentiert werden kann. Schlägt man gegen die Schalen, entlockt man ihnen schönste Töne. Ausserdem wird das Wasser durch den Klang in Schwung gebracht.

Auch die Steinwelle lädt zum Verweilen, Ausprobieren und Spielen ein – nicht nur die jüngeren Besucher. Für sie gibt es zudem regelmäßig Werkstätten, in denen sie fachkundig durch die Welt des Wassers geführt werden. Für Groß und Klein werden darüber hinaus vogelkundliche Führungen angeboten. Mit dem Fernglas „bewaffnet“ und gespitzten Ohren lassen sich auf Kaltehofe viele Vogelarten entdecken. Kein Wunder, denn in den 20 Jahren in denen das Areal brach lag, hat die Natur sich ihren Lebensraum zurückerobert. Sogar der Seeadler soll an einem der alten Rückhaltebecken gesichtet worden sein. Frösche, Fledermäuse, Libellen und Insekten aller Art sind neben den Vögeln auf Kaltehofe Zuhause. Auch Rehe und Hasen tummeln sich hier in Luftlinie von nur rund 4 Kilometern vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt – mitten zwischen Industrieschornsteinen, der Elbe und Containerbergen. Es ist beeindruckend und wunderbar ruhig – bestimmt einen Besuch wert.

www.Wasserkunst-Hamburg.de

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

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