Vom Strandräuber zum Amrum-Chronisten: Georg Quedens

Er war Strandräuber und Möweneisammler, aber das ist lange her. Inzwischen hat sich Georg Quedens als Heimatforscher, Autor und Meister der launigen Touristenunterhaltung einen Namen gemacht.

Es ist dunkel im Saal. Ein Diaprojektor aus längst vergangenen Zeiten wirft Bilder an die Leinwand. Mehr als hundert Menschen – vom Kind bis zum Greis – lauschen wie gebannt. Georg Quedens ist in seinem Element. Er rollt das „R“ und s-tolpert übers S-trrrandgut. Er kann bedrohlich leise und bedrohlich laut. Es ist, als tose die Nordsee. „Strandräuberei ist nicht unehrenhaft“, betont er zum dritten Mal an diesem Abend. Der 78-Jährige erzählt von seinem „Urgroßvater hoch vier“, der sich genau wie er selber als Strandräuber hervortat. Wer heute Strandgut findet, dem rät Quedens spitzbübisch: „Ab in den Koffer und weg damit.“ Mit Vorliebe veralbert er die Sylter. Aber auch die Festländer bekommen ihr Fett weg. Mit gespielter Verachtung erklärt Quedens, was im Binnenland immer wieder durcheinander gebracht werde: den Unterschied zwischen Springflut und Sturmflut.

Seit fünfzig Jahren hält der Autor und Amrumer Insel-Chronist Georg Quedens Vorträge über seine große Liebe. „Nordsee – Mordsee“, „Amrum die Insel“ oder „Nordsee und Wattenmeer“ heißen sie und sind bei den Touristen ein Renner. „Ich denke gar nicht daran, so einen Schietbüddelkram wie Beamer oder technische Effekte einzusetzen. Da erleidet man nur Schiffbruch. Außerdem wollen die Leute die Einfachheit der Sprache und des Bildes.“ Davon ist der kleine Mann mit der grauen Sturmfrisur und dem naturnahen Gesichtshaar überzeugt.

Die Werbeplakate für seine Veranstaltungen beschriftet Georg Quedens persönlich – natürlich per Hand

Das Glück im Gestern

„Amrum in der guten alten Zeit“ ist der Vortrag, den Quedens am liebsten hält. „Ich lebe in der Vergangenheit, bin fast noch aus der Bronzezeit“, sagt er und streicht über seine verblichene Jeans. Er lehnt sich zurück in seinen Sessel, der wie der Rest der Einrichtung aus der Zeit gerutscht scheint. Sein weißes Häuschen in der Fußgängerzone von Norddorf liegt direkt neben dem Buch- und Fotoladen Quedens. Es hat keine Hausnummer, keine Klingel und kein Namensschild. Im Inneren geben Brauntöne den Ton an. An den Wänden hängen Porträts seiner Vorfahren. Berge und Reihen von vergilbten Büchern dienen ihm als Recherchematerial. Nur ein großer Flachbildfernseher deutet auf die Jetztzeit hin. Wer ihm schreiben möchte, muss zum Briefkasten gehen. „Online“ sagt ihm nichts. Er hat kein Handy und zum Verdruss seiner Verleger auch keinen Computer. Alle Manuskripte schreibt er auf seiner Schreibmaschine.

Am Anfang war das Möwenei

Noch zu Kriegszeiten schickte Mutter Quedens den kleinen Georg in die Dünen, um Möweneier zu suchen. „Mit dem Fund meines ersten Eis hat alles angefangen. Die Leidenschaft für die Natur war erwacht.“ Quedens’ kleine Augen leuchten unter den urwüchsigen Brauen hervor. Von der Zeit an kannte der Junge nur eine Richtung: in die Dünen, an den Strand, barfuß bei Wind und Wetter. Klein-Georg sammelte Möweneier, grub Wildkarnickel aus, angelte Schollen und trug so zum Familienunterhalt bei. Eine steife Hüfte, ein steifes Knie und den Verlust einer Niere haben ihm diese Jägereien eingebracht. Eine bakterielle Entzündung, ausgelöst durch den kalten Dünensand, fesselte ihn lange Zeit ans Bett.

Bohlenwege durchziehen die gut 700 Hektar große Dünenlandschaft. Hier hoppelt und kreischt es auch heute noch

„Doch danach ging es munter weiter“, erinnert er sich und erzählt von seiner Strandräuberei. Von einer angespülten Tonne Rinderschmalz, die im letzten Kriegsjahr die Fettprobleme im Haus löste. Und von einem riesigen Holzstück, das für sorgenfreie, warme Wochen gesorgt hätte – wenn da nicht der Strandvogt gewesen wäre. Der vom Staat eingesetzte Strandräuberschreck erwischte den kleinen Georg und seinen Vater. Zur Strafe ließ er die beiden das zentnerschwere Diebesgut auf seinen Hof transportieren. „Noch heute zehre ich von dieser Wonnezeit, der schönsten Zeit meines Lebens. Die Jagdleidenschaft und der Beutetrieb, die bei mir ganz hoch entwickelt sind, konnte ich voll ausleben.“

Quedens unterwegs

Auch heute noch geht Quedens auf Beutezug: Als Tier- und Naturfotograf findet er die schönsten Motive. Als Autor trägt er Informationen über den Nordseeraum zusammen. Und als Insel-Chronist sammelt er Fakten über sein lauschiges Eiland und die Bewohner. Mehr als achtzig Bildbände und Bücher (u. a. „Amrum. Jahres-Chronik einer Insel“, „Amrum – Die Geliebte des Blanken Hans“) hat er veröffentlicht. Manchmal muss er verreisen, um in Archiven in Hamburg oder Kopenhagen zu recherchieren. Quedens mag nicht reisen, schon gar nicht in die Großstadt. Er liebt die Beschaulichkeit seines zwanzig Quadratkilometer kleinen Paradieses. Hier kenne man sich, habe eine engere Beziehung zueinander und man könne besser teilnehmen am Leben der anderen. „Das ist Heimat. Das ist ganz, ganz wichtig. Wenn man eine Beziehung hat zu den Menschen und zu der Landschaft.“ Am liebsten sitzt das Amrumer Gewächs auf einer Düne und lässt den Blick über die Nordsee Richtung England schweifen. „Ein unheimlicher Ruhefaktor, über die Dünen zu schauen, den Möwen zuzusehen mit ihren Jungen. Und dann die Nordsee und die Sandbänke mit den Seehunden“. Einen kleinen Moment lang wirkt er abwesend.

Die Reichweite des Amrumer Leuchtturms beträgt 23 Seemeilen. Festländisch gesprochen: gut 42 Kilometer

Georg Quedens’ Fernweh reicht nicht weit. Kaum weiter als der Leuchtturm von Amrum zu leuchten vermag. Denn wer auf Amrum lebe, der brauche keinen Urlaub. Der Ostsee kann er gar nichts abgewinnen: „Die ist für mich ein Gräuel, ein absolut totes Meer. Da liegen ein paar Steine am Strand, das Wasser plätschert und plätschert und nichts passiert. Ich brauche die Gezeiten. Ebbe und Flut. Das Wasser, das kommt und das geht, anschwämmt und mitreißt. Das ist Leben.“

Der Ruhestand muss warten

Mit dem Ruhestand mag sich Georg Quedens, der 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen hat, noch nicht richtig anfreunden. Er habe immer noch gut zu tun, verkündet er mit spürbarem Stolz. Die Amrumer Chronik liegt nach wie vor in seiner Hand. „Ich falle irgendwann um und dann ist Feierabend. Aber hier auf dem Friedhof möchte ich nicht beerdigt werden. Hier liegen zu viele Leute, die ich nicht leiden mag“. Da bricht der alte Knurrhahn aus ihm hervor.

Die Liebe zu Amrum hat Georg Quedens seinem Sohn mitgegeben. Kai Quedens ist zur Freude seines Vaters nach vielen Jahren in Hamburg zurück auf die Insel gezogen. Er hat sich als Kunstmaler einen Namen gemacht. Außerdem hält auch er Vorträge. In ihnen tummeln sich Dünenzwerge, Spökenkieker, Seefahrer und Walfänger, Helden und die Prominenz. Seine eigenen Gemälde und historische Fotos – zeitgemäß per Beamer an die Wand geworfen –illustrieren die Erzählungen. Und während der junge Quedens seine Vortragstätigkeit nach und nach ausweitet, zieht sich der alte Quedens langsam daraus zurück. Er plant, am Ende der Saison seinen altgedienten Diaprojektor in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken und ruhigere Fahrwasser anzusteuern.

Über Katharina Petzholdt

Katharina Petzholdt

Angedockt im Norden mit einer Vorliebe für Franz- und Fischbrötchen, Elbblick und spröden Humor. Alltag in Blankenese, Auszeit auf Amrum.

Eine Meinung über “Vom Strandräuber zum Amrum-Chronisten: Georg Quedens

  1. Wer Georg Quedens erlebt hat, schwärmt immer wieder von Ihm. Ich wünsche ihm, daß er noch viele Jahre die Leute von seiner Seeräuberei begeistert.

    Helmut Luther | | Antworten

Hinterlasse deine Meinung