Nachklang eines Tastenlebens

Gischt, knirschender Sand zwischen den Zehen und Lieder von Fernweh und von der rauen See. So klingt er der Norden.

Schwarze und weiße Tasten sind wie Ebbe und Flut, wie Land und Leute oder Backbord und Steuerbord. Jedes Akkordeon hat eine Geschichte, die in den meisten Fällen mit der Seefahrt eng verbunden ist.

Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein Weltmeister. Gebaut in Klingenthal im sächsischen Vogtland. In der weltweit ältesten Akkordeon-Manufaktur. Mit mir sangen einsame Matrosen Lieder übers Heimweh. Ich machte Station in San Francisco und umsegelte Kap Horn. Die Seefahrt hinterließ Spuren. Ich sprach eine Sprache, die jeder verstand. Ich lachte, weinte und tröstete. Ich holte für den Moment ein Stück Zuhause in die Ferne über die Weltmeere.

Zuerst gehörte ich einem armen Trinker, der sein letztes Lied auf mir gespielt hat.

Dann einem Matrosen, der genug von der See hatte. Mit ihm kam ich in die Hansestadt und ihre verruchte Straße. Angelegt in dunkler Nacht. Mit dem Schiff von Spanien nach Hamburg. An Land gekommen und erfolgreich auf Jobsuche gewesen.

Eine Bar mit düsteren Gestalten und kleiner Bühne. Jahrelang. Immer wieder. Jeden Abend. Das Nikotin und der Schnaps haben mir stark zugesetzt. Ich fragte mich „Wie lange noch? Wie komme ich hier raus?“

Dann irgendwann nur ein Stück nasse Pappe an der Tür „Geschlossen“. Keine Vorwarnung, keine Nachricht.

Alles ausgelöscht und kein Applaus mehr. Diese Zeiten haben Spuren hinterlassen. Bei jedem Lied klingt heute ein Stück Nostalgie mit.

Anker lichten und nicht drüber nachdenken. Irgendwo gibt es immer einen einsamen Seemann für mich.

Über Gerrit Hoss

Gerrit Hoss

Ich bin Musiker, Autor diverser Magazine und Radio-Journalist beim NDR. Ich mag es bunt und wohl intoniert. Deshalb klingt der Norden für mich am schönsten.

Mehr von Gerrit Hoss im Internet

Keine Meinungen bisher.

Wir freuen uns auf deine Meinung. Schnell dann bist du der Erste.

Hinterlasse deine Meinung