Antofagasta – die Wüstenstadt am Meer

Seegang kann zu einem Problem werden, selbst für ein großes Schiff. Nicht unbedingt auf offener stürmischer See: Aber wenn lang gezogene Dünung auf eine ungeschützte Küstenlinie trifft, dann wird es schwierig mit dem „safe berth“, dem sicheren Liegeplatz, den ein Frachtschiff nun einmal braucht.

Das erfahren wir im Januar 2013 an der chilenischen Küste. Üblicherweise kommt hier der „Schwell“ aus südwestlichen Richtungen, wenn Stürme in den „Roaring Forties“, den „Furious Fifties“ und den „Screaming Sixties“, den Westwindzonen südlich des 40. Breitengrades, die See aufwühlen und der entstehende Seegang weit in den Norden läuft.
Im Sommer aber – und der beginnt hier unten Ende Dezember – breitet sich das subtropische Hoch nach Süden aus und drängt die Weststürme weiter polwärts. Jetzt kann sich die Dünung thermischer Tiefs im Norden bemerkbar machen: Lange, hohe Seen kommen aus Nordwest, und in diese Richtung bieten viele Häfen keinen guten Schutz.
So verbringen wir beträchtliche Zeit auf der Reede von Antofagasta.

Trocken und reich – Antofagasta am Rande der Atacama-Wüste

Zwei Meilen vor der Mole müssen wir ankern, weil der Hafenkapitän sein Reich für uns geschlossen hat: Zu Recht erscheint es ihm unnötig riskant, unser Schiff im engen Hafen manövrieren zu lassen. Wir nutzen das unverhoffte Zeitgeschenk für Wartungsarbeiten und bieten einer Seelöwenfamilie unseren Bugwulst als Spielwiese.

Familienspiele

Erst am Abend des zweiten Tages bessern sich die Bedingungen. Über Funk erhalten wir die Aufforderung, den Anker zu hieven und langsam in Richtung Hafen zu dampfen, der Lotse sei auf dem Weg zu uns. Und tatsächlich sehen wir, kaum dass wir wieder unterwegs sind, das Lotsenboot auf uns zu halten, tapfer kämpft sich das kleine Fahrzeug durch den immer noch spürbaren Seegang. Wir drehen hart nach Backbord ein, um „Lee zu machen“, uns quer zu den Seen zu stellen, damit das Lotsenboot sicher unterhalb unserer Steuerbord-Lotsenpforte längsseits gehen kann.

Gleich zwei Lotsen erscheinen ein paar Minuten später auf der Brücke.

Capitan L. und Capitan R. werden uns gemeinsam beim Einlaufen beraten und die Schlepper dirigieren. Mit unserer Größe – knapp 6000 Standardcontainer können wir transportieren – sind wir keine „Standardkost“ für Puerto Antofagasta. Drei Schlepper werden unser Manöver unterstützen: Je einer wird, mit starken Trossen an unserem Bug und unserem Heck festgemacht, dabei helfen, mit der richtigen Geschwindigkeit in die gewünschte Richtung zu steuern. Und ein Dritter wird mittschiffs drücken; so bugsieren sie uns punktgenau an die kurze Pier. Eine gute Stunde nachdem die Lotsen an Bord gekommen sind, ist auch die letzte unserer zwölf Festmacherleinen durchgesetzt, wir entlassen die Schlepper und können im Logbuch vermerken: „Sicher fest in Antofagasta.“

Die „Alte Ecke“ hat geöffnet


Wir sind hier im Norden Chiles, gut 1100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago, und am Rande des wohl trockensten Gebietes der Erde: der Atacama-Wüste.
Das Gebiet um Antofagasta gewann in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts große wirtschaftliche Bedeutung, nachdem hier reiche Vorkommen von Salpeter (Nitrat) gefunden worden waren. Nitrat ist nicht nur Basis von natürlichen Düngemitteln, sondern als Sauerstoffspender Bestandteil von Sprengstoff (Schwarzpulver).

Zu Zeiten des Salpeterbooms gehörte Antofagasta zum Staatsgebiet Boliviens.

Die Bevölkerung war jedoch zu mehr als 90 Prozent chilenisch und chilenische Unternehmen hatten das Recht, dort steuerfrei Salpeter abbauen zu dürfen. Als Boliviens Staatsführung ungeachtet bestehender Verträge eine Salpetersteuer einführte, kam es zum Salpeterkrieg, in dessen Verlauf chilenische Truppen 1879 Antofagasta eroberten. 1904 erkannte Bolivien in einem Friedensvertrag die endgültige Zugehörigkeit der Stadt zu Chile an.
Endgültig? Vor zwei Jahren erst hat Boliviens sozialistischer Präsident Evo Morales die Rechtsgültigkeit des Vertrages von 1904 angezweifelt und einen eigenen bolivianischen Zugang zum Pazifik gefordert …
Salpeter hat längst seine wirtschaftliche Bedeutung verloren, denn Stickstoffdünger und Sprengstoffe können, seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Synthese von Ammoniak (Haber-Bosch-Verfahren) gelungen war, künstlich hergestellt werden.

Hier wird Guano produziert, ein Ausgangsstoff für Salpeter


Heute ist der Exportschlager von Antofagasta Kupfer, das aus reichhaltigen Vorkommen im Berg- und im Tagebau abgebaut wird.
Obwohl der Export von Kupfer eine der Lebensquellen des Hafens von Antofagasta ist, bedeutet er, wie unser Lotse Capitan R. erzählt, zugleich einen Fluch: „Uns fehlen qualifizierte Hafenarbeiter. Wer jung und gesund ist, geht in die Kupferminen und verdient dort schnell gutes Geld. Im Hafen wird weniger bezahlt, und wer Container laden, löschen und laschen will, muss zunächst einmal eine aufwendige Ausbildung durchlaufen. Der Hafen muss dringend seine Jobs attraktiver gestalten, denn unter diesen Bedingungen kann er kaum wachsen …“
Wir liegen tatsächlich volle zwei Tage in Antofagasta, denn die Lösch- und Ladearbeiten werden immer wieder durch lange Pausen unterbrochen. Für einen durchgehenden 24-Stunden-Betrieb gibt es nicht genügend Leute, das ist offensichtlich.

Filetsteak mit Minze-Krabben – so speist man in Antofagasta


Aber jedes Ding hat zwei Seiten: Die Crew genießt den langen Aufenthalt und die Chancen, auch einmal an Land zu kommen – keine Selbstverständlichkeit auf einem modernen Containerschiff .

Feuerzauber auf den Straßen von Antofagasta

Und ein Besuch in Antofagasta, der Stadt am Rande der Atacama-Wüste, der lohnt sich …

Über Peter Hahne

Peter Hahne

War Redakteur einer Hamburger Segelzeitschrift. Fährt heute als Kapitän für eine Hamburger Reederei. Lebt, wenn er nicht auf See ist, in Hamburg - wo sonst?

Eine Meinung über “Antofagasta – die Wüstenstadt am Meer

  1. Eine sehr gute Beschreibung dieses Hafens in Chile. Auch heute noch werden Im- und Export nach und von Bolivien ueber Antofagasta (und auch ‚ganz im Norden‘ von Chile Arica) abgewickelt. Doch warum bricht Kapitaen Hahne seinen Hafenbericht am Ende so schnell ab, ohne uns Lesern zu erklaeren, warum sich ein Landgang dort lohnt ?? Als ehemaliger Fahrensmann kenne ich die Gegend ebenfalls. Und Herrn Hahne lernte ich kennen, als er gerade auf seinem ersten -richtigen !- Schiff anmusterte – und ich ausstieg. Gruesse aus „down under“ !
    Detlef Koepke

    Detlef Koepke | | Antworten

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