Die Kautschpotäito guckt: Kuppelsendung

Oh, endlich die Füße hoch! Ich liebe dich, mein Sofa! Von morgens bis abends Haus- und Hofarbeit! Ich kann nicht mehr. Mich kriegt hier keiner mehr weg. Das steht für heute schon mal fest. Mal gucken, was die Glotze macht. Ach, da bist du ja auch, mein Katerchen? Na? Hast du heute tüchtig Mäuse gefangen? Siehst ja zufrieden aus. Komm, hopp aufs Sofa. Wir kuscheln und gucken Fern.

Oha, da soll so ein alter norddeutscher Jungbauer endlich auch mal  ́ne Frau abkriegen.

Gut gekuppelt ist halb gewonnen!

Nun guck dir mal die zukünftige Schwiegermutter an. Den Typ kenn ich. Als das Bäuerlein noch jung und mit ein bisschen Glück knackig war, hat die bestimmt all die Mädchen aus der Landjugend weggeekelt. Da war sicherlich keine gut genug. War bei uns ja auch so. Ich kann mich noch gut an mein erstes Mal mit meiner Schwiegermutter erinnern. Mein „Jannimann“ hier und mein „Jannimann“ da. Dabei hat sie mich immer so seitlich angeguckt. Um ihren Mund reichten die dicken Wutfalten bis zum Kinn. Die sah aus wie frisch gepflügt – und das mitten im Gesicht. War nicht einfach – aber zum Glück ist das seit ein paar Jahren vorbei. Ihr „Jannimann“ war sogar einer der Sargträger. Hab damals auch zu ihm gesagt: “Jan, fass vorne an, denn kannst du das Tempo vorgeben. Denn geht das schneller.“ Hat er auch gemacht, der Herzensgute. Aber als ich hinter ihm ging, hätte ich trotzdem am liebsten immer „renn Jannimann – renn!“, gerufen. Aber ich wusste ja, das schickt sich nicht. Nicht mal ´ne eigene Schaufel habe ich mitgebracht. Bin ja gut erzogen. Rein rational gesehen wäre das voll OK gewesen. Dann wäre die aber schneller eingekuhlt worden.

Auf dem Dorf legt man ja Wert auf Etikette und Schwiegermutter selbst einbuddeln gehört nun mal leider nicht dazu.

Ja, ja, das Schwiegermuttchen – die musste sich täglich die Zähne rasieren…
Aber die da im Fernsehen ist auch nicht übel. Ob ich da mal ein paar Einwegrasierer hinschicke? Nötig hätte sie es.
Was die da erzählt! Wie die sich ihre künftige Schwiegertochter vorstellt! Ende zwanzig bis Mitte dreißig soll sie sein, weil ihr glatzköpfiger Sohn mit Mitte fünfzig ja noch so jung ist und einen so dollen Kinderwunsch hat.

Ein fertiges Kind mitbringen gilt nicht.

Da würden denn ja die Gene nicht stimmen. Oje, die Gene von DEM würde ich nicht in mir haben wollen – nicht mal zum Spaß am Sonnabendabend im Dunkeln…
Nee, ist klar. Mama will für ihren Sohn eine dreißigjährige Jungfrau mit viel Erfahrung. Außerdem soll ihr liebstes Hobby Haus- und Stallarbeit sein. Wenn sie noch ein paar Hektar an den Hacken hätte, würde das auch nicht schaden. Da weiß man denn ja, was man hat.

Wo will sie die finden?

Die Frau, die diese Familie genetisch um Schönheit bereichert, von morgens bis abends im wahrsten Sinne des Wortes gern ackert und bescheiden ihre High-Heels gegen Gummistiefel tauscht? Ach, ich höre gerade: sparsam soll sie auch sein und immer lieb und nett – besonders wenn die Schwiegereltern pünktlich um zwölf ihr Mittagessen haben wollen. Wo wollen die vom Fernsehen so eine Frau hernehmen?

Fernsehleute können alles finden!

Uj, die haben schon eine! Ich staune! Die war wohl doch recht leicht zu finden: in Thailand. Wäre ich nie drauf gekommen.
Oha, nun sitzt sie schon im Flieger. Die vom Fernsehen sind auch immer flott dabei. Da kommst gar nicht mit, so schnell geht das. Unsereins würde wahrscheinlich erst einmal telefonieren oder Mails schreiben. So viel Zeit brauchen die nicht. Ist auch gut so, dass die fix dabei sind. Er wird immer älter und hässlicher und bei ihr tickt die biologische Uhr.
Zum Glück ist nun Werbung. Da kann man sich zwischendurch mal erholen. Habe ich eigentlich noch Schokolade im Schrank? So wie ich Jan kenne, hat er die bestimmt schon wieder heimlich alleine gekillt. Na ja, war ER isst, macht MICH nicht dick. Oha. Das Drama geht weiter.

Hätte nie gedacht, dass ich Werbung mal zu kurz finden könnte…

Och, das ist nun ja doch süß! Das bäuerliche Muckelchen soll für das erste Treffen schick gemacht werden! Na, wenn das man stimmt, was seine Mama da alles brabbelt. Ihr Sohnemann sei ja soooo selbständig. Kann alles alleine. Darum schiebt sie ihn jetzt auch zur Küchentür raus. Er soll sich einkleiden gehen – mal ganz modern und so.
Und da ist er ja auch schon – in Tanjas Dorfboutique! Wie zufällig schlendert er rein. Die flotte Tanja wartet auch schon vööööllig überrascht auf ihn. Die Blumen auf ihrem Boutiquetresen sind bestimmt von seiner Mama. Die hat sie sicherlich gestern abgegeben – als sie heimlich die neuen Klamotten für ihn ausgesucht hat. Die flotte Tanja hat auch alles passend in seiner Größe auf EINEM Bügel hängen. So ein Zufall! Das nenne ich mal einfaches Leben auf dem Lande! Wenn ich bedenke, wie ich immer rumrennen muss, nur weil ich will, dass die neue Hose zum neuen Pulli passt! Mal gucken, vielleicht nennen die im Abspann die Adresse von Tanjas Dorfboutique. Da fahre ich dann auch hin, gehe rein und kaufe einen Bügel mit „alles passend dabei“.

Und da ist sie ja auch schon. Nun kommt sie!

Die arme thailändische Deern! Hat ihr niemand was vom norddeutschen Wetter erzählt? Die klappert sich bei der Kälte tot. Aber er ist zu blöd das zu merken und sie kann ihm das nicht verhackstücken.
Sie kann kein Deutsch, er dafür kein Englisch. Macht nix. Schweigen ist ja sowieso Gold. Wenn man das mal so bedenkt, ist das gar keine schlechte Voraussetzung für die Ehe. Die vom Fernsehen wissen echt Bescheid.
Ach ja. Wo die Liebe hinfällt. Nun zeigt er ihr auch schon den Hof. Ihr bleibt nix anderes übrig als alles toll zu finden. Oha, nun schubst er sie gerade in Richtung Kälberstall.

Die Stimme im Hintergrund sagt, da sei es so romantisch.

Da hopsen die süßen kleinen Kälbchen mit den großen Augen rum, die so gern aus Fläschchen trinken. Nun denn. Jetzt spielen die auch Kitschmusik. Die Bauersfrau-Bewerberin hat auch schon ganz verdrehte und verzückte Augen. Ob die weiß, dass das mal ihr Arbeitsplatz werden soll? Dass die Viecher morgens ab fünf nach Milch brüllen? Und wenn sie sich an die Tierchen gewöhnt hat, kommt der Laster für den Schlachter. Dann sind sie Kalbsragout. Immerhin darf sie dann hinterherwinken.
Da siehst Du mal, wie gut du das hast, mein Tigerchen. Mein niedlicher Katerle. Du wirst nie Ragout. Komm, ich kraul dich ein bisschen. Hinter den Ohren magst du das doch so gern. Du bist meine allerliebste Miezekatze. Mein süßer Spatz! Ach, du hast so ein herrlich weiches Fell.

Aber heute schnurrst du ja gar nicht so wie sonst. Was hat mein Liebling denn heute?

Aua, du blödes Vieh! Runter vom Sofa, verdammter Kater! Knallst mir einfach eine und das noch mit ausgefahrenen Krallen! Mistvieh! Oh, das brennt vielleicht! Wo ist die Wundsalbe? Pflaster brauch ich auch.
Aber das muss ich noch sehen. Die Frau hat sogar Hektar an den Hacken! Was zeigt sie da mit den Fingern? Ach so. Das dürften eineinhalb sein – in Thailand. Na, da kann er sich ja schon mal auf den Trecker schwingen. Damit er rechtzeitig zum Pflügen da ist.
Zum Glück hat das Fernsehen „Norddeutsche Liebe auf den ersten Blick“ ins Drehbuch geschrieben. Na dann mal toi, toi, toi für die Zukunft. Ich muss nun Salbe und Pflaster holen.

Über Christianne Nölting

Christianne Nölting

Im Norden geboren. Im Norden ausgebildet. Dem Norden tief verbunden. Voll der Norden in Person!

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